Vergessener Bunker in Altrip

Über den Schutzbunker im Akazienweg ist mittlerweile Gras gewachsen. Sein Eingang ist schon vor längerer Zeit zugeschüttet worden. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs war er nicht der einzige Schutzraum in Altrip - aber vielleicht der Größte.

Schon 1934 gab es in Altrip einen Ortsverband des „Reichsluftschutzbundes”. Leiter Karl Heinrich Hauk hielt auch regelmäßig Schulungsabende ab. Der „Luftschutz” wurde 1933 schon wenige Wochen nach der sogenannten Machtergreifung gegründet.

Altrip, in der Nähe des Großkraftwerks Mannheim und des Rheinauer Hafens gelegen, musste im Kriegsfall mit Luftangriffen rechnen. Hauk sorgte gegen großen Widerstand für eine Entrümpelung der Dachböden und ließ dort Löschsand und Feuerpatschen deponieren.

Zum Schutz der Hausbewohner dienten in erster Linie die Kellerräume. Mit Kriegsbeginn wurde überall im Ort gewerkelt, obwohl viele „Volksgenossen” solche Maßnahmen angesichts der Blitzsiege, insbesondere über Frankreich, als reine Zeit- und Geldverschwendung betrachteten. Doch als die Alliierten die Lufthoheit über das Reichsgebiet errangen und der Großraum Mannheim-Ludwigshafen wiederholt von Großangriffen betroffen war, bekam auch Altrip immer öfter „sein Fett weg”.

Hatten nach den gewonnenen Blitzkriegen, insbesondere gegen Frankreich, viele Dorfbewohner über die Bettpritschen in den Kellern gewitzelt, so war ab 1943 der Ruf nach mehr Luftschutz unüberhörbar.

Zudem war Altrip im Bergeplan für den Auffangort Mutterstadt im Falle einer größeren Zerstörung von Ludwigshafen für Fliegergeschädigte eine große Aufgabe zugedacht. Altrip hatte hiernach 350 Betten, 525 sonstige Schlafmöglichkeiten, 450 Betten in Massenquartieren und 200 Betten für Verletzte in den beiden Schulhäusern bereitzuhalten.

Dabei hatte lediglich die Ziegelei Baumann einen regelrechten Bunker. Er ist noch immer intakt und liegt unter einer Grünanlage im Akazienweg. Russische Kriegsgefangene bauten die Anlage außerhalb ihrer festgesetzten Arbeitszeiten und erhielten deshalb die Zusicherung, dass sie den Bunker mitbenutzen durften. Dass Gefangene Bunker aufsuchen durften, war wohl nur äußerst selten der Fall.

Vier Räume wurden geschaffen. Ein Raum mit separatem Eingang wurde für die Russen vorgehalten, ein Raum waren für die Unternehmerfamilie und zwei Räume für die Arbeiter und Bewohner im Gebiet „Im Schleim” vorgesehen. Zwischen den Räumen für die Deutschen und die Russen gab es keine Verbindungstür. Ausgelegt war der Bunker für 60 Personen, die Betondecke war 1,10 Meter stark und mit einer darüberliegenden Kiesschüttung von zwei Metern versehen.

Die Zahl der Fliegerschäden nahm im Lauf des Krieges im Ort ständig zu. In aller Eile wurden nun Kellerfenster zugemauert und mit Betonklötzen davor versehen, Kellerdecken wurden mit Balken und Schienen abgestützt. Im Unterdorf, etwa in der Rheinstraße, waren viele Häuser wegen der besonderen Druck- und Hochwassersituation, überhaupt nicht unterkellert. In den Kellerräumen der Ludwigschule wurde daher ein öffentlicher Luftschutzraum und eine Rot-Kreuz-Station eingerichtet. Dort wurden auch viele Tote und Verletzte nach dem großen Luftangriff am 30. Dezember 1944 versorgt.

Je nach den baulichen Begebenheiten wurden auch private Kellerräume für namentlich registrierte Bewohner aus der Nachbarschaft vorgesehen. An den Hausfassaden wurden weiße Pfeile und die Buchstaben „LR” für „Luftschutzraum” angebracht.

Teilweise hatten die Kellerräume nur eine geringe Höhe, so dass die Luft schnell stickig wurde. Bei Fliegeralarm flüchteten stets die Dorfbewohner mit ihrem Luftschutznotgepäck in die vermeintlichen Schutzräume. Die behelfsmäßig eingerichteten Räume hätten nämlich, ob ihrer mangelhaften Festigkeit, bei einem Bombenvolltreffer schnell zum Massengrab werden können. Noch heute sind Spuren der früheren Luftschutzräume zu sehen.

Als der Krieg zu Ende war und niemand sich mehr in die Keller verkriechen musste, zogen die Altriper Bilanz. 101 Wohn- und Wirtschaftsgebäude waren total zerstört, 100 schwer und 659 leicht beschädigt. 573 Mal gab es Luftalarm und 1832 Schadensmeldungen gingen bei der Gemeinde ein. An 38 Tagen wurden Dorf und Flur von Luftangriffen getroffen. 35 Zivilisten kamen ums Leben und 58 wurden verletzt.

(W. Schneider | 2009)