Leinenweber garantierten die Selbstversorgung

In Altrip gab es über Jahrhunderte hinweg Leinenweber, die für die Selbstversorgung des Dorfes sorgten. Doch nur selten bauten die Leinenweber selbst den benötigten Flachs oder Hanf an. Somit blieb ihnen das Raufen, das Herausreißen der Pflanzen samt Wurzel, das Riffeln und Rösten sowie das Schwingen und Hecheln erspart. Die Fasern, die beim Hecheln über ein Nagelbrett gezogen wurden und sich als zu kurz erwiesen, wurden zum Matratzen füllen abgegeben oder an die Altriper Kleinschiffer zum Kalfatern.

Beim Kalfatern wurden die Spalten zwischen den Planken mit aufgerauhtem Flachs oder Hanf (Werg) abgedichtet. Aus dem Leinsamen wurde auch Brot gebacken, sowie Öl gewonnen. Der „Leinkuchen”, der nach dem Auspressen zurück blieb, diente als Viehfutter.

Am 1. August 1854 wurde Altrip von einem starken Gewitter mit Hagel und einem entsetzlichen Sturm heimgesucht. Binnen weniger Minuten war die gesamte Ernte vernichtet und warf sogar geladene Erntewagen und Bäume um. Tabak, Spelz, Hafer, Hanf und Flachs waren vom Hagel zusammen geschlagen. Für die Altriper, die noch durch die drei letzten Hochwasserjahre und die anhaltende Teuerung in tiefe Schulden kamen, war dies ein verheerender Schlag. Der Flachs, der nur vormittags blüht, wurde an jenem Tag restlos vernichtet.

Die Mutter der heute 94-jährigen Elsa Obornik wurde im Ort „die Leineweberin” genannt, weil ihr Vater Martin und ihr Großvater Philipp Hauk dem Beruf des Leinenwebers nachging. Die Handweber verarbeiteten den gesponnenen Flachs sowie Hanf zu Leinwand. Die vielen Kleinschiffer benötigten Segeltuch und Säcke.

Leinen war bis Mitte des 19. Jahrhunderts in nahezu jedem Haushalt zu finden, angefangen vom Bettzeug bis zu den Hemden. Die Arbeit war mühsam und schlecht bezahlt. Allein die Vorbereitung der Webkette beim Neubeginn eines Stoffs war äußerst zeitraubend. Auch die richtige Spannung der Fäden wollte gekonnt sein.

Kein Wunder, dass es kaum ein anderes Handwerk gab, bei dem so viel geflucht wurde. Viel Präzision und Sorgfalt waren nötig, um einwandfreie Ware zu produzieren. Philipp und Martin Hauk waren die letzten Vertreter ihrer Zunft im Ort.

Als Philipp Hauk 1875 starb, gab auch der Sohn, der den Beruf vom Vater „geerbt” hatte, auf und wurde Backsteinbrenner. Grund war nicht nur der Preisverfall durch die ausländische Konkurrenz, sondern das Aufkommen von Maschinengarn und mechanischen Webstühlen.

Der berühmteste Leinenweber in Altrip war übrigens der Schultheiß Abraham Knauber, der beim schlimmsten geschichtlich überlieferten Hochwasser im Jahre 1824 bis zur Erschöpfung im Wasser stand und half, die Dämme zu flicken. War Leinen früher in allen armen Fischerhütten vorzufinden, so ist dieser Stoff heutzutage in erster Linie von besonders wohlhabenden Leuten wieder gefragt. Tischdecken, Servietten, Taschentücher und Hemden aus Leinen gehören heute zum Feinsten und sind entsprechend teuer. So ändern sich eben die Zeiten.

(Wolfgang Schneider | November 2001)