Die Entstehung der „Adria“

Mit „Italien sehen und sterben”: So drückten viele Deutsche in den 50er-Jahren ihre Sehnsucht nach sauberen Stränden und klarem Wasser aus. Doch nicht alle, die dieses Fernweh teilten, konnten am großen Teutonenzug nach Süden teilnehmen. Viele suchten sich ein Plätzchen in ihrer Umgebung. Bedingt durch die zunehmende Verschmutzung des Rheins, überrollten an warmen Wochenenden sonnenhungrige Großstädter die Baggerseen bei Altrip im Bereich der „Hochäcker”. Sehr zum Leidwesen des Grundstück-Eigentümers, der Ziegelei Baumann.

Doch nicht nur die „Hinterlassenschaften” der Städter machten Direktor Karl Baumann zu schaffen, sondern auch der Vandalismus. Ob Bäume, Sträucher oder Feldfrüchte – alles wurde in Mitleidenschaft gezogen. 1954 zog er die Notbremse und zäunte sein Gebiet ein. Das Geschrei war hernach so groß, dass Landrat Kurt Becker-Marx einen Plan zur Ordnung des Naherholungsgebiets vorlegte, der öffentliche Badeflächen, private Parzellen sowie die entsprechende Logistik vorsah.

Zu den Pionieren, die die Wildnis beidseits des Mittelwegs zugänglich machten, gehörte der Heidelberger Zahnarzt Otto Braun. Er nannte das tiefblaue Gewässer „Blaue Adria”, erwarb eine Parzelle und wurde der erste Vorsitzende der Interessengemeinschaft (IG) „Blaue Adria”. Offensichtlich hatte diese Bezeichnung eine Sogwirkung. Ein Run auf die „Adria” setzte ein. Bald schon prägten Baracken, ausrangierte Eisenbahnwagen und alte Autobusse das Landschaftsbild.

Clevere Grundstücksbesitzer überließen den Ausflüglern winzige Areale fürs Wochenende. Becker-Marx versuchte, die Verkehrsströme in den Griff zu bekommen, denn Altrip war an heißen Tagen „zu”. Weder von Rheingönheim, noch von der Fähre her gab es ein Durchkommen. Auf badischer Seite stauten sich die Autos und die Fahrradkolonnen, denn die alte Gierfähre konnte oft erst nach einer Stunde Wartezeit ablegen. Die Zustände besserten sich, als Altrip 1958 eine Motorfähre erhielt.

Chaos stand am Beginn der Entwicklung des Naherholungsgebiets. Alle Beteiligten im so genannten Grünen Süd, der für Speyer jedoch Norden war und schon bald durch „Erholungsgebiet in den Rheinauen” verdrängt wurde, waren sich einig: Die Zeltplätze sind menschenunwürdig, denn sie lassen den Eindruck riesiger „Erholungsweiden” aufkommen, auf die das „Erholungsvieh” getrieben wird.

Im Juli 1959 gelang es Becker-Marx, die Verkehrsflut durch einen Ringverkehr zu ordnen. Nachdem alle Aufrufe, das Adria-Gebiet wegen der unbewachten Stränden zu meiden, nichts nutzten, richtete die DLRG im selben Monat eine „fliegende Wachstation” ein. Die Gemeinde hatte mittlerweile an der Betonstraße, dem Einfalltor zur Adria, die Kiesausbeute gestattet. Viele Chemiestädter sahen hier schon ein „mare nostrum” am Neuhofener Altrhein entstehen. Visionen gab es ohnehin sehr viele. Diplom-Gärtner Karl Josef Nick vom Neustadter Wasserwirtschaftsamt entwarf einen Plan für 200.000 Erholungssuchende in einem Gebiet von rund 50 Quadratkilometern beidseits des Rheins. Sogar von einer Regattastrecke für die Olympiade 1972 im Kiefweiher wurde geträumt. Und Nick hielt auch eine Straßenbahnverbindung für angemessen.

Doch diese Pläne blieben Makulatur, ebenso wie der Plan aus dem Jahr 1935, der den Kiefweiher als Ludwigshafener Strandbad mit Straßenbahnanschluss vorsah. Einen großen Fortschritt gab es 1966 mit dem Beitritt der Stadt Mannheim zum Verein „Erholungsgebiet in den Rheinauen”. Neben den Städten Ludwigshafen und Speyer sowie den gleichnamigen Landkreisen war nun auch die rechtsrheinische Seite vertreten. Nur der Kreis Mannheim zierte sich. Bereits 1964 war die Wasserqualität so schlecht, dass eine Sperrung der Adria erwogen wurde. Becker-Marx als Hauptgeschäftsführer der Kommunalen AG Rhein Neckar und sein Nachfolger als Landrat, Hermann Scherer, unternahmen verzweifelte Versuche, die Erholungsgäste „umzulenken”. Alle Hinweise auf die bessere Wasserqualität und auf einsame Strände in anderen Orten blieben jedoch ungehört.

1966 wurden an einem Tag rund 30.000 Sonnenanbeter gezählt. Ähnlich war es im Juli 1967. Dazu Scherer: „Wir beten seit Mittwoch, dass es am Wochenende regnet.” Die Relation zwischen Badegästen und Toiletten war nicht im rechten Lot, da die berühmten Örtchen einfach zu rar waren. Scherer lies daher Schilder aufstellen: „Wegen Überfüllung geschlossen.” Doch es gab jede Menge Schleichwege zum „Platz an der Sonne”. 1967 wurde ein Landschaftsplan für das Naherholungsgebiet vorgelegt. Leitgedanke war, die Natur wenig zu verändern. Becker-Marx umschrieb dies mit „kein großes Schwimmbad, sondern ein auffrisiertes Stück Natur”.

Einen Silberstreif am Horizont bedeutete die Entscheidung des Neuhofener Rats, die Kiesausbeute in der Gewanne „Schlicht” zur Teilfinanzierung seiner Kanalisation zu nutzen. Als „Nebenprodukt” sollte der entstehende Baggersee die Adria entlasten. Unterdessen ging die Parzellen-Hysterie mit Maschendraht und Rohrmatten munter weiter. Der Kreis war hier ständig gefordert, hinkte aber der Entwicklung hinterher. Wahre Exzesse deutschen Siedlerfleißes waren fortan zu beobachten. Nach dem Amtsantritt von Landrat Paul Schädler ging das Großreinemachen im Naherholungsgebiet so richtig los. Dies bekam auch die Altriper DLRG zu spüren, die sich seit 1971 um eine Baugenehmigung für eine Rettungsstation bemühte und 1976 trotz einstimmigen Ratsbeschlusses eine Ablehnung erhielt. Begründung: „Bei Ausführung ihres Bauvorhabens wäre die Entstehung einer Splittersiedlung zu befürchten.” Doch hier waren Schädlers Mannen wohl zu eifrig, denn der Landrat höchstpersönlich segnete das Bauvorhaben dann doch noch ab.

Wirbel gab es 1975 um ein mobiles Holzhäuschen für den Platzwart des Campingplatzes des Vereins „Erholungsgebiet in den Rheinauen”, das die Landtagsabgeordneten Rainer Rund und Karl-Heinz Weyrich als Schwarzbau werteten. Sie starteten im Landtag eine Anfrage. Sie wollten wissen, wie sich die Landesregierung zu Schwarzbauten unter der Federführung einer Behörde stellt. Das Häuschen war beantragt und notwendig, um die Anlage mit einem Telefonanschluss zu versehen. Altrips Bürgermeister Michael Marx erinnerte bei dieser Aktion daran, dass die Gemeinde bereits am 7. September 1973 Planungsaufträge für sieben Bebauungspläne an den Kreis weitergegeben hätte. Allerdings, so musste er einräumen, war der fragliche Campingplatz nicht dabei. Vor gut 25 Jahren erhielten zumindest die Baggerseen per Ratsbeschluss einen Namen. Vorausgegangen war ein entsprechender DLRG-Antrag.

Unter Bürgermeister Willi Kotter (seit 1979) hat nicht nur die Einwohnerzahl Altrips stark zugenommen, sondern auch die Bautätigkeit im Naherholungsgebiet. Unter seiner Ägide wurden schon bald der Flächennutzungsplan und eine Reihe von Adria-Bebauungsplänen verabschiedet. Auch für den „Äußeren Wörth”, der noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine bewaldete Rheininsel war. Die Pläne erlauben nur Bauwerke, die nicht zum „ständigen Wohnen” bestimmt sind. Seit 1982 gelten geschlossene Gruben beziehungsweise Abwassersammelbehälter nur so lange als erlaubt, bis ein Kanalsystem kommt. Dies gilt nicht für die „Altbesitzer”, die schwarz auf weiß haben, dass für sie kein Anspruch auf einen Kanal besteht.

(Wolfgang Schneider | August 2001)