Das Altriper Wasserhinkel - Eine Erzählung

Eine Erzählung von Wolfgang Schneider

Es war einmal ein kleines Blesshühnchen, das lebte zusammen mit vielen anderen seiner Artgenossen sowie mit etlichen Schwänen und Enten in einem Altriper Baggersee.

Das Leben war dort recht angenehm und die Natur deckte auch reichlich den Nahrungstisch. Alles gab es in Hülle und Fülle. Und so kamen gar Graugänse aus Kanada zu Besuch.

Das Altriper WasserhinkelDas Altriper WasserhinkelDas Blesshühnchen war zwar von Geburt aus etwas scheu, doch auf Dauer vermochte es nicht einzusehen, weshalb immer nur die Menschen so neugierig aufs Wasser spähten. Und so lief das Blesshühnchen auch öfters einmal - und das ganz flott – auf der Strandzone auf und ab. Da war Vorsicht geboten, denn allenthalben lagen da Glasscherben, Dosen und sonst allerhand Hinterlassenschaften der menschlichen Spezies umher. Mutter Blesshuhn hatte schon dem kleinen Hühnchen eingebleut: „Halte dich von Menschen fern und picke nichts auf dem Land auf!"

Dann kam ein langer, kalter Winter und der Hunger wurde immer schlimmer, denn von dem ehedem vorhandenen Gabentisch der Natur gab es keine Spur mehr zu sehen. Die offene Wasserfläche wurde immer kleiner und das ganze Federvieh, das sonst über den gesamten Baggersee verstreut sich tummelte, rückte immer näher zusammen. Die Schwäne waren zum Teil schon an den Rhein geflogen und die Enten schliefen an Land. Doch die Mutter des Blesshühnchens meinte: „Ich habe schon immer im Wasser gelebt, bin im Leben viel getaucht und kann immer noch gut schwimmen, was soll ich mich auf meine alten Tage noch an Land wagen?"

Kalt war es über Altrip - im Ort und an den Seen. Die Quecksilbersäule rutschte auf ein eisig-kaltes Minus 15 Grad Celsius.

Als das Blesshühnchen am nächsten Morgen seine Äuglein aufsperrte, da sah es sein Blesshuhnmütterlein ruhig neben sich stehen. Nach mehreren Augenaufschlägen musste es sich jedoch gestehen, dass sein Mütterlein angefroren und tot gewesen. Da tappte das Blesshühnchen ganz traurig am Strand entlang.

Ganz behäbig und unbeholfen watschelte ein Schwan wohl in Richtung Ort. Angeschlossen hatte sich auch eine Gans und eine Ente. Das Blesshühnchen wähnte sich eh' schon verloren, überwand seine Angst und schloss sich dem seltsamen Zug als Letzteres an.

Auf halbem Weg zum Dorf blieb der Schwan unvermittelt stehen. Ob der schwere Vogel wohl zu müde wurde? Der Schwan schlug plötzlich kräftig mit den Flügeln und nach einigen vergeblichen Anläufen erhob er sich in die Luft und entschwand schon bald des Blesshühnchens staunenden Blicken. Nach einer Weile machte auch die Ente keine Anstalten mehr um ins Dorf zu laufen. „Sag' an, liebe Ente, kannst du nicht mehr oder fehlt dir das Wasser doch zu sehr?", piepste das Hühnchen. „Quak, quak", sprach da die Ente, „ich liebe zwar den See, die Altrheine, Teiche und Tümpel und mache auch gerne einmal einen Ausflug auf dem Rhein - aber das muss nicht sein! - Auch brauche ich zum Fressen von leckeren Bissen nicht Wasser, wie der Schwan, dazu."

Die Gans war 'ne weiße, lief unterdessen schnatternd ins Dorf hinein. Da hat das Hühnchen noch einmal scharf nachgedacht: Ins Dorf hinein, das könnt, höchst gefährlich sein, da dies wohl nicht zu unserer Art gehört. Und auch in den Rhein gingen wohl die Vorfahren schon nicht gern hinein. So blieb das Blesshühnchen auch eine Zeit lang allein auf weiter Flur bis es seinen kleinen Körper so richtig durchfuhr. Hurtig und geschwind lief es dann dort hin, wo es einst war seiner Mutter Kind. Von weitem hörte und sah es seine Artgenossen, die ihr Leben in einer offenen Wasserlache genossen.

Eines Tages, es war Anno 1952, da lief das Blesshühnchen wieder ganz froh am Strand und gewahrte im Sand ein Bild, ganz als wäre es die Frau Mama.

Und was das Blesshühnchen da wohl tatsächlich sah? Na klar, einen Prospekt der Karnevalgesellschaft. Die Altriper Karnevalisten haben die Blesshuhn-Mama als Wappentier gleich auf die Titelseite gesetzt. Da war das Blesshühnchen ganz glücklich.

(Wolfgang Schneider | 2002)