Pfalzbefreiung groß gefeiert

Am 30. Juni 1930 läuteten zu mitternächtlicher Stunde überall in der Pfalz die Glocken - zum Dank für die „Pfalzbefreiung" von französischer Besatzung. Aus Altrip machte sich gar eine Radfahrergruppe von Katholiken auf den Weg nach Speyer, um dort am Mariendom der Zeremonie beizuwohnen. In der Gemeinde selbst trafen schon am frühen Abend neben Einheimischen auch viele Neckarauer und Rheinauer ein, um Augenzeuge des geschichtsträchtigen Ereignisses zu werden.

Landwirt Willi Knauber hoch zu Ross. Die Lafette dahinter transportiert eine aus Hockenheim geborgte Kanone, mit der vor dem Abmarsch des Fackelzuges zum Rhein Böller abgeschossen wurden.Landwirt Willi Knauber hoch zu Ross. Die Lafette dahinter transportiert eine aus Hockenheim geborgte Kanone, mit der vor dem Abmarsch des Fackelzuges zum Rhein Böller abgeschossen wurden.Alle örtlichen Vereine und Korporationen waren mit ihren Bannern auf dem Messplatz vertreten. Der war schon bald völlig überfüllt, so dass die Menschen auf die nahe gelegenen Wiesen beim Sportplatz ausweichen mussten. Pünktlich um 23.30 Uhr läuteten eine Viertelstunde lang die Glocken der Dorfkirche. Die Musik spielte das „Niederländische Dankgebet", das die Menschen stumm und ergriffen verinnerlichten und dem die vereinten Chöre des Ortes „Die Mahnung" und der Chor der Sänger-Einheit „Flamme empor" folgen ließen. Der Zweite Bürgermeister Ludwig Hört hielt eine ergreifende Rede, bei der viele Anwesende ihren Tränen freien Lauf ließen. Hört erinnerte an die unsäglichen Leiden und Schikanen der nahezu zwölfjährigen Besatzung.

Angefangen von Einquartierungen einer nahezu 1000 Mann starken Besatzungstruppe kurz vor Weihnachten 1918 in dem nur 2400 Seelen zählenden Dorf bis zu einer sechsmonatigen Gefangenschaft eines erst 17-Jährigen, weil er angeblich gegen einen Korporal eine drohende Haltung eingenommen hatte. Hört rief auch an die Unterstützung der Separatisten durch die Franzosen wieder ins Gedächtnis, die Schikanen der in der Ludwigschule eingerichteten Ortskommandantur und das strenge Fährregime mit Passierscheinen und häufigen Verkehrssperren.

Im Januar 1926 zogen die Franzosen aus Altrip ab - vier Jahre vor der eigentlichen Rheinlandbefreiung - und das Leben normalisierte sich. In der „Befreiungsstunde" verwies Hört darauf, dass 17 Altriper Bürger Haftstrafen der Franzosen und Separatisten erdulden mussten. Er erinnerte an den Einmarsch der marokkanischen und algerischen Kolonialtruppen, ausschließlich mit Mulis, an nahezu „feiste" Soldaten in blitzsauberen Uniformen, die den ausgemergelten Dorfbewohnern das Leben schwer machten.

Unter dem Gesang des Deutschlandliedes wurde eine junge Eiche gepflanzt, die fortan den Namen „Freiheitseiche" tragen sollte und auch heute noch vor dem Reginozentrum steht. Ein gewaltiger Fackelzug, begleitet von einer Altriper Kapelle und dem Trommler- und Pfeifenkorps der Freiwilligen Feuerwehr, bewegte sich anschließend zum Rhein. Dort war ein über drei Meter hoher Reisighaufen aufgetürmt, den Altbürgermeister Ignatz Baumann anzündete. Die Flammen schlugen haushoch zum Himmel, bewegt standen die Menschen noch lange an beiden Ufern des Rheins.

Doch wie sollte Deutschland nun der verarmten Pfalz helfen? Die Zeitschrift „Die Pfalz am Rhein" schrieb dazu: „Trinkt jeder Deutsche über 18 Jahren in der Befreiungsnacht nur eine Flasche Pfälzer Wein, gewiss kein nennenswertes Opfer, sondern eine Freude und ein Genuss, dann ist auch die Pfälzer Winzerschaft von der Sorge um die Leerung ihrer vollen Keller befreit, und dem Pfalzwein wird endlich die Wertigkeit zuteil, die er verdient."

Die Berliner Regierung rief Pfälzer in der ganzen Welt zu „Pfalzwallfahrten" auf, um dem unglaublich verarmten Land auf die Beine zu helfen. Altrip beließ es übrigens nicht nur bei einer Befreiungsfeier. Am 13. Juli 1930, einem Sonntag, gab es eine große Nachfeier im Waldpark der Gemeinde mit Feldgottesdienst und anschließender Gefallenenehrung, an der die gesamte Schuljugend teilnahm. Schülerchöre trugen das „Gelübde" (Ich hab mich ergeben) und das „Lied vom Rhein" vor. Am Ende gab"s von der Gemeinde für alle Schüler eine Brezel mit auf den Heimweg.

(Wolfgang Schneider | 2005)