Der Weg einer Bibel - Eine "Altriper" Weihnachtsgeschichte

Ende 1941 fuhr der damalige Bürgermeister Michael Marx nach Frankfurt, um dem in Altrip geborenen Schriftsteller Wilhelm Michael Schneider die Ehrenbürgerurkunde zu überreichen. Schneider erhielt die Würdigung, weil er mit vielen seiner Novellen und Kurzgeschichten Altrip ein literarisches Denkmal setzte. Schneider schrieb unter den Decknamen Wilhelm Michael und Perhobstler.

Altrip widmete er die Trilogie "Flut um Hohenufen". Mit Hohenufen, Amrhein und Allhausen umschrieb er in seinem literarischen Schaffen seine Heimatgemeinde Altrip. Sein bekanntestes Werk ist jedoch der Erste Weltkriegsroman "Infantrist Perhobstler". Dieses Werk hatte 1929 schon nach zwei Monaten eine Auflage von 60.000 Exemplaren. Infantrist Perhobstler trägt starke autobiographische Züge. So wurde Perhobstler, wie Schneider, fünfmal verwundet. Viele Personen in seinem Werk lassen sich real existierten Personen zuordnen.

Thomas Mann, der 1929 Infantrist Perhobstler gelesen hatte, schrieb unserem Altriper einen langen Brief und dass er gar nicht sagen könne, was diese Geschichte alles in ihm aufgewühlt habe an menschlicher Ratlosigkeit. Einige Episoden aus dem Leben von W.M. Schneider hätten allein schon eine Auszeichnung gerechtfertigt. Ereignisse, die erst durch Berichte seiner Enkelin und vor allem nach Sichtung seines Nachlasses durch die Wissenschaft im Jahr 2000 bekannt wurden.

Beim Militär herrschte während des I. Weltkrieges nicht nur Drill, sondern auch Kadavergehorsam und eine strenge Hierarchie. Schneider, dem "alten Marschierer Perhobstler", war dies ein Graus. Als er als einfacher Soldat einmal in Mannheim einen Unteroffizier nicht grüßte, wurde er von diesem gestellt - und das hatte Folgen! Vor Schreck hatte er danach einen Zollbeamten militärisch gegrüßt, mehr noch, auch einen Wachmann der Mannheimer Wach- und Schließgesellschaft. Das mit dem Wachmann machte ihn zum Gespött eines Mädchens, das in seiner Begleitung war und die zufällig den Wachmann auch noch persönlich kannte.

Als Perhobstler Vizefeldwebel und Offiziersspirant wurde, war er zwar den ärgsten Schikanen entronnen, aber er war nun in einem neuen sozialen Umfeld, nämlich in der Welt der Herren im Offizierskorps. Deren elitäres Gehabe gefiel ihm ganz und gar nicht. Perhobstlers Persönlichkeitsbild wies vielmehr sehr viele menschenfreundliche Züge auf. Er steckte z.B.in besetzten Dörfern armen Kindern Brot zu und verzichtete auf die Bestrafung eines französischen Quartiergenossen, der mit dem Messer auf ihn losgegangen war. Und als Vorgesetzter hatte er den Mannschaften bei schwerer Arbeit stets geholfen. Er versuchte auch Bestrafungen, die er für unsinnig hielt, soweit das möglich war, abzumildern.

Perhobstler liebte wehmütige Lieder und verabscheute die "saumäßigen". Er bemühte sich auch besonders um Soldaten, die mit der Militärjustiz in Konflikt geraten waren. Bei einer Razzia bei Roubaix, die sich gegen Arbeiter richteten, die einem Gestellungsbefehl der deutschen Besatzung nicht Folge geleistet hatten, ließ er einen 16Jährigen entkommen, bei dem er Bleistiftzeichnungen entdeckte und klopfte ihm mit dem Hinweis auf die Schulter: "Du wirst mal ein großer Zeichner! Und nun lauf!" Und als ein australischer Stoßtruppführer, der in den deutschen Stellungen tagelang für Angst und Schrecken gesorgt hatte, schwer verwundet in deutsche Gefangenschaft geriet, fiel aller Hass von ihm ab und er versuchte dem Sterbenden Linderung zu verschaffen. Immer wieder war sein Credo: "Wir sind alle Geschöpfe des einen Gottes!"

Es war im Advent 1915, als sich Schneider in einem Appell an seine Soldaten wandte: "Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zehn, dann hundert, tausend und bald werden es Millionen auf dem ganzen Erdenrund. Und eine Hoffnung erfüllt uns, macht uns alle gleich…und dass es Frieden werde." Ausgerechnet am Weihnachtsabend 1915 unternahmen schottische Truppen einen überfallartigen Angriff auf die deutschen Stellungen bei La Basseé auf die Hohenzollernschanze. Der Angriff wurde allerdings abgewehrt. Neun Tage später entdeckten die Deutschen vor ihrem Graben zwischen mehreren Toten einen verwundeten Schotten, der durch Rufen auf sich aufmerksam machte.

Perhobstler schrieb hierzu: "Es war ein netter junger Schotte, gar nicht so, wie man uns die Schotten mit ihren fliegenden Röcken und Dudelsackpfeifen geschildert hatte." Der Verwundete hatte einen Oberschenkelschuss erlitten und konnte deshalb nicht zu seiner Stellung zurückkriechen. Weil die Zeitungen in England aber geschrieben hatten, dass die Deutschen grausame  Hunnen seien, wagte er sich erst nach neun Tagen bemerkbar zu machen. Eigentlich war es kein schlimmer Schuss. Aber nun war die Wunde bereits brandig.

Als Dank für seine Rettung und die medizinische Versorgung schenkte der junge Mann Perhobstler seine Bibel, die ihm seine Schwester in den Krieg mitgegeben hatte. Schneider-Perhobstler hielt diese Bibel stets in Ehren.

Nach 1933 versuchte der Rembrandt-Verlag, der Infantrist Perhobstler auch unter den Nationalsozialisten weiter verkaufen wollte, pazifistische Stellen zu tilgen. Trotzdem wurde das Buch 1936 als nicht empfehlenswert auf den Index gestellt und später gar verboten.

Schneider, der bei den Frankfurter IG Farben Leitender Angestellter war, nahm 1937 Kontakt mit der "British Legion" auf, schilderte den Vorfall mit dem jungen Schotten und der Bibel und äußerte den Wunsch, die Bibel der Familie zurückzugeben. 22 Jahre nach dem Vorfall! Schneider hatte sich lange Zeit gescheut dies zu tun, weil er annahm, dass der junge Mann evtl. in deutscher Gefangenschaft verstorben war.

Es dauerte nicht lange und Schneider bekam Post von der britischen Veteranen-Vereinigung, die mitteilte, dass die Bibel Sydney Robinson aus der Grafschaft Lincolnshire gehörte und dieser noch lebe. Die Wunde von damals hätte sich aber noch immer nicht geschlossen und sie müsse auch nachts versorgt werden. Sydney Robinson war wegen seiner brandigen Verletzung 1916 gegen einen Deutschen ausgetauscht worden und kehrte als nicht mehr kriegsverwendungsfähig in seine Heimat zurück.

Seine Schwester Dorothy glaubte laut Veteranen-Vereinigung fest daran, dass ihm die Bibel das Leben gerettet hatte, indem die "Hunnen" im Gedanken an Gott ihm gnädig waren. Die Schwester hatte ihm auch ein hartgekochtes Ei mit in den Krieg gegeben und gemeint: "Verzage nicht: Das Ei kann Federn kriegen und zum Himmel fliegen." Das Ei bekam in der Hosentasche des Schotten zwar keine Flügel, aber es diente ihm dazu seinen größten Hunger etwas zu stillen.

Wie lange Sydney Robinson zuhause noch gelitten hat, nur weil er der englischen Zeitungspropaganda aufsaß, ist nicht bekannt. Er ist aber ein Beispiel für allzu viel unverdientes Leid auf dieser Welt. 

(Wolfgang Schneider | 2012)