Weinstube und Bank unter einem Dach

Das Gebäude an der Ecke Luisen-/Rheingönheimer Straße war aber auch Treffpunkt für belesene Lehrer

Treffpunkt literaturbegeisterter Lehrer, Schauplatz einer Tiergeschichte, Bank und Weinstube - das Haus an der Ecke Luisen-/Rheingönheimer Straße in Altrip hat eine bewegte Geschichte. Heute wohnt ein älteres Ehepaar darin.

Vor ungefähr 100 Jahren zog der Volksschullehrer Hermann Albert mit seiner Familie vom Westrich nach Altrip und kaufte sich das Haus. Für Lehrer Albert war wichtig, dass das Anwesen eine eigene Wasserpumpe hatte, denn eine Wasserleitung gab es damals im Ort noch nicht. Das Trinkwasser musste aus öffentlichen Brunnen von weither geschleppt werden. Mit ausschlaggebend war auch die Nähe zu Mannheim, wo seine Kinder weiterführende Schulen besuchen konnten. Schon bald erhielt der Lehrer den Spitznamen „S"Peffermännel", was ihm und seiner Popularität aber keinen Abbruch tat.

Hermann Albert wurde Dirigent der „Sänger-Einheit", bediente sonntags die Kirchenorgel und vertrat sogar ehrenamtlich den Gemeindeschreiber, als dieser 1914 zum Militär einberufen wurde. Als Schulleiter nahm er alle neuen Junglehrer in seinem Haus unter seine Fittiche und Frau Charlotte bekochte sie. Die Lehrer wurden in die „Artusrunde" aufgenommen, wo man sich begeistert germanische Sagen vorlas. Die Literaturbegeisterten rezitierten mit verteilten Rollen Schillers Dramen und versuchten sich auch am Faust. Alle Lehrer hatten entsprechende Künstlernamen: Parsival, Erec, Segramar. Und Charlotte Albert hieß wie Parsivals Mutter: Herzeloyde. Trotzdem fand die Lehrersgattin Zeit um unter dem Pseudonym „Lotte Mühlborn" ihre literarischen Arbeiten in Lehrer- und Tageszeitungen zu publizieren. Ihre Stärke waren Gedichte, Lyrik, Erinnerungen und Naturbeobachtungen. Auch in pfälzischen Schul-Lesebüchern waren Beiträge von ihr zu finden. Großer Förderer war der Ludwigshafener Hans Loschky, mit dessen Hilfe sie auch das Büchlein „Grabs der Rabe" mit Tiergeschichten herausbrachte. Eine spielte in ihrem Altriper Anwesen.

Familienbetrieb in der 30er-Jahren: Das Weinhaus Schneider gab wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auf. FOTO: PRIVATFamilienbetrieb in der 30er-Jahren: Das Weinhaus Schneider gab wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auf. FOTO: PRIVATDoch Charlotte bekam großes Heimweh, sodass die Familie wieder in den Westrich zog und das Haus verkaufte. Philipp Ferdinand Schneider, einer von sieben Söhnen des Essigspritfabrikanten Ludwig Schneider V. griff zu. Nach mehreren Anläufen, bei denen das Bezirksamt Ludwigshafen die „Bedürfnisfrage" abgelehnt hatte, richtete er ab 1927 in seinem Haus eine Weinstube ein. Mehr noch: Auch die „Spar- und Darlehnskasse Altrip", deren Chef Schneider war, fand Platz bei der Weinstube. 1928 wurde in seinem Lokal der „Gewerbeverein Altrip" und 1937 der Karnevalverein „Castell", der sich später in „Die Wasserhinkle" umbenannte, gegründet. Vor allem Ausflügler aus Mannheim kehrten bei ihm ein. Neben der kriegsbedingten Einstellung des Schankbetriebs beutelte Schneider nach dem Krieg der bis Januar 1948 unterbrochene Fährbetrieb und die rigide Passierscheinregelung an die „französisch-amerikanische Zonengrenze". Schließlich gab er die Weinstube auf. Das Bankgeschäft lief aber zunächst weiter. Die heutige Zweite Beigeordnete der Gemeinde Altrip, Lilli Noe, hatte hier noch 1951 ihre Lehre begonnen. Bald darauf zog die Kasse in ein größeres Domizil in der Nachbarschaft. Die Immobilie selbst blieb bis 1. April 2008 als Wohnhaus im Besitz der Familie Schneider. Dann zog dort das Ehepaar Ingrid und Horst Ulrich ein.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 24.09.2010 / Wolfgang Schneider)