„Musik war für Napoleon nur ein Geräusch”

Der erste Altriper Heimatforscher Hermann Provo war auch Schriftsteller und Zeitkritiker 

In Altrip galt Hermann Provo lediglich als derjenige, der Regino für die Altriper „ausgegraben” hat und auch die Idee des Reginodenkmals hatte. Doch der Nestor der Altriper Heimatforscher, Hermann Provo (1845 bis 1918), ist nicht nur der Verfasser von „Altrip - eine kulturhistorische Studie”, sondern auch Autor von mehreren Büchern und Schriften zu höchst unterschiedlichen Themen.

1906 erschien in Leipzig sein Werk „Die Musik als Sprache”, das sogar in der „Library of Congress” in Washington zu finden ist. Während des Ersten Weltkrieges befasste sich Provo auch mit der tiefen Kluft zwischen der Sozialdemokratie und den bürgerlichen sowie mittelständischen Parteien. So entstand 1917 hierzu seine gut 100-seitige Fleißarbeit zu diesem Thema in den „Kriegspolitischen Einzelschriften”. Interessant und teilweise amüsant auch seine 1912 erschienene Arbeit „Allerlei über die Liebe”, in der er einen weiten Bogen von der Liebe zum Partner, den Eltern, Geschwistern, Freunden, Tieren, Sachen und zu Gott spannt.

In seinen musikalischen Betrachtungen verkündet der Verfasser, dass Musik für Napoleon I. nur Geräusch war und Goethe die Architektur mit gefrorener Musik verglich. Provo arbeitete in seinem Werk die Unterschiede zwischen Wort- und Tonsprache sehr drastisch heraus und urteilt knallhart über unmusikalische Menschen. „Bei ihnen ist Hopfen und Malz verloren, man verschone sie mit Musik!” Provo spürt das Verlangen nach Harmonie, denn in den Gesetzen der Harmonie gehe schließlich der Schönheitsbegriff des Menschen, das Streben der unbewussten Natur auf. Er folgt dann gar der Annahme von Pythagoras von der Harmonie der Sphären, in deren Dienst sich die ewigen und unsichtbaren Wellen des Äthers bewegen.

Provo schien gar seherische Fähigkeiten zu haben. Einmal, er hatte gerade an einer Hauptprobe eines von Wagner dirigierten Konzerts teilgenommen, erfuhr er, welche große Pietät und Peinlichkeit er auf die Exaktheit und Vergeistigung der Interpretation fremder guter Musik verwandte. Und flugs brachte er zu Papier: „Wahrhaftig, so lange eine Reformation im Geiste Wagners getragen ist, so lange steht es nicht schlimm um die Tonmusik. Aber wenn die Musik einmal zu seichter Massenproduktion oder zu jenem hyperphantastischen über- und verkünstelten inhalts- und melodielosen Machwerk heruntersinkt, mit dem uns ein Heer unfähiger moderner Komponisten mit großen und kleinen Namen versohlt, dann Gute Nacht edle Musika!” Für ihn war klar, dass die Wortsprache zwar reicher an begrifflichen Zeichen als die Tonsprache ist, aber auch nicht annähernd über den Reichtum an seelischer Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten verfügt. Mit einem Bestand von rund 80.000 Wörtern sah er auch die vollendetste Wortsprache an ihren Grenzen.

Und er sah wie klein diese Ziffer gegenüber der unendlichen Summe von Ausdrucksmitteln und Zeichen der Musiksprache ist. „Wären wir in der Lage, sie zahlenmäßig festzustellen, so würden wir auf unzählige Millionen kommen.” Provo nimmt auch die einzelnen Musikinstrumente unter die Lupe. Er unterscheidet hierbei nach „Klassen”, erwähnt gar die einfache und billige deutsche Maultrommel sowie die vor 100 Jahren so beliebten Mundharmonika, Ziehharmonika und Zither.

Hart ins Gericht ging der Autor mit einer verhältnismäßig großen Zahl von Berufsmusikern und Dilettanten, denen es nicht vergönnt ist, das Wesen der Musik zu erfassen. Zudem kritisiert er die, die dem Musikstudium mit zähem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer folgen, die aber die Höhe wahrer Künstlerschaft aufgrund eines angeborenen Mangels nie erreichen. Er ließ darüber mit Schopenhauer urteilen: „... sie wissen es selbst nicht, sonst würden sie ins Wasser springen.” Und deutlich auch seine eigene Bewertung: „Wer unter Musik nur einen seichten Ohrenkitzel versteht, also seine musikalischen Empfindungen nicht höher bewertet als diejenigen, die er hat, wenn ihm jemand die Fußsohlen kitzelt oder der Friseur ihm auf dem Kopf herumkraucht, dem wird selbst die Einförmigkeit einer schlechten Musik, wenn sie nicht zu lange dauert, Genuss bereiten.”

(Quelle: Wolfgang Schneider | 2006)
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