Ein Motor für die Rheinfähre

Ein Verkehrsmittel, das ohne Treibstoffe auskommt, weder Lärm noch Gestank verursacht, kaum zu betriebsbedingten Störungen neigt und zudem dem Betreiber Monat für Monat erkleckliche Einnahmen in genau bezifferter Höhe bringt - klingt zwar unglaublich, war aber einst in Altrip Realität. Die Gemeinde vergab heute vor 100 Jahren einen Auftrag an die Speyerer Werft Braun zum Bau einer Gierfähre.

Diese Fähre, die im Gegensatz zu ihren Vorgängermodellen auch für den Fuhrwerks- und Autoverkehr gebaut wurde, konnte immerhin 400 Personen auf einmal befördern. Bei einer Länge von 20,20 Metern und einer Breite von 6,75 Metern brachte es das „abgehackte” Schiff, ohne Heck und Bug, auf 40 Tonnen Wasserverdrängung. Zu Berg hing die Fähre an einem 400 Meter langen Stahlseil, wobei das Seilende 90 Meter vom Altriper Ufer entfernt mittels eines Betonklotzes im Strom verankert war. Am langen Seil hingen zehn oben geschlossene eiserne Buchtnachen, die nicht nur den Seilstrang über Wasser hielten, sondern durch die vom Fährmann bediente Kurbel zusammen mit dem Schiff in Schrägstellung (Gierstellung) gebracht wurden.

Durch den Anprall der Strömung wurde die Gierfähre so von einem Ufer zum anderen gependelt. Diese Art von Fähren, wie sie heute noch auf Elbe, Weser, Lippe, Aller, Saale oder Sieg zu finden sind, wurden auch als „fliegende Brücken” oder Pendelfähren bezeichnet. Immerhin konnte die Fähre eine Höchstgeschwindigkeit von 2,5 Meter in der Sekunde erreichen. Das Fährschiff besaß vier Drehwerke, eine Schutzhütte, außenbords vier Schwerter mit Ketten zum Auf- und Abdrehen sowie für den Bedarfsfall zwei Anker. Für die damals angeschaffte Fähre zahlte die Gemeinde 12.600 Mark. Durch das Abtreten eines Rheinvorlandstreifens an die „Rheinau AG” strich die Gemeinde so viel Geld ein, dass sie 1907 davon 10.000 Mark dem Fährfond zuleiten konnte. Außerdem zahlte die Gemeinde Rußheim für die abgängige Fähre auch noch 1600 Mark. Sogar die beidseitigen Zufahrten zur Fähre und die neue Fährstraße zahlte komplett die „Rheinau AG”.

Obwohl ein Fußgänger nur drei Pfennig für eine Überfahrt zahlen musste, gelang es der Gemeinde noch im Jahr 1909 das Schiff für 6350 Mark auf ein Jahr zu versteigern. Interessant war auch der Fährtarif insgesamt. So musste für das Übersetzen etwa eines Schäferhundes genauso viel gezahlt werden wie für einen Fußgänger. Für einen Kinderwagen mussten gar zehn Pfennige berappt werden, genauso viel wie für ein Motorrad.

1914, 1923 sowie von April 1954 bis Januar 1958 stand der Gierfährbetrieb in Gemeinderegie und schrieb rote Zahlen. Hochkonjunktur hatte die Fähre in den „Goldenen Zwanzigern” als Tausende von Badegästen aus dem Rechtsrheinischen zum Altriper Rheinstrandbad strömten. Der Schiffer Valentin Hauk hatte die Fähre von 1933 bis 1949 gepachtet und erhielt bei Ausfall keinerlei Nachlass. Der Pächter hatte gar bei Hochwasser und Eisgang mit zwei Nachen und jeweils drei Ruderkräften für eine Rheinüberquerung der Berufspendler zu sorgen. 1949 wurde Hauk mit 100 Mark bei der Versteigerung überboten und abgelöst.

Der letzte Fährpächter, Willi Hasselmann, zahlte 1953 immerhin 23.500 Mark Jahrespacht. Doch Hasselmann wollte nicht mehr und so wurde unter dem Jubel der KPD-Fraktion im Altriper Gemeinderat zum 1. April 1954 die Fähre in Eigenregie übernommen und fuhr fortan nur rote Zahlen ein. Am 25. Januar 1958 wurde die alte Gierfähre durch eine Motorfähre abgelöst. Grund war der zunehmende Schiffsverkehr mit immer schnelleren Schiffen.

(W. Schneider | 2009)