Auftakt zu systematischen Grabungen

Das in alten Texten erwähnte spätrömische Kastell „Alta Ripa”, eine Gründung Valentinians I. von 369 nach Christus, lebt bis in unsere Zeit im Namen des Ortes Altrip weiter. Die Kenntnis um die römischen Wurzeln ging zwar nie verloren, obwohl spätestens seit dem 14. Jahrhundert kein Stein der alten Siedlung mehr über der Erde zu sehen gewesen sein dürfte. Erst 1917 deutete der Prähistoriker Edmund Anthes (1859 bis 1922), nach dem ein alle zwei Jahre vergebener Preis für archäologische Arbeiten benannt ist, das „Rätsel Altrip” richtig.

Grundlage waren für ihn die Forschungsberichte von Professor Wilhelm Harster, der im Jahr 1884 erstmals systematische Grabungen in Altrip vornahm. Harster selbst gelangte von 1884 bis 1887 zu keinen richtungsweisenden Erkenntnissen über Ausmaß und genauen Zweck der römischen Anlage. Harster beklagte sich bitter über die mangelnde Unterstützung der Altriper Grundstückseigentümer, die zum Teil überhaupt keine Erlaubnis zu Grabungen erteilten oder nur oberflächliche Schürfungen zuließen. Entmutigt gab der Wissenschaftler daher nach vier zermürbenden Jahren auf und konstatierte: „Die Lösung des Altriper Rätsels bleibt einer günstigeren Zukunft vorbehalten!”

Anthes wertete die Fundamente rechteckiger Räume und Pfeilerstellungen richtigerweise als Kasernement eines Kastells. Seit 1835 gab es in Altrip so etwas wie eine „Goldgräbermentalität”. Viele römische Steine wurden bei privaten Bauaktivitäten zutage gefördert und zu Liebhaberpreisen an Interessierte abgegeben. So wanderte etwa auch der seltene Stein der Nemetona-Göttin nicht in die frühere Hauptstadt der Nemeter nach Speyer, sondern zum Altertumsverein nach Mannheim. Es zeigte sich auch, dass bereits in früheren Zeiten Mauern und Fundamente aus der Tiefe herausgebrochen wurden. Allerdings nicht etwa aus Hass auf die Antike, sondern weil in der hiesigen steinlosen Gegend große Steine für den Hausbau sehr gefragt waren.

Bei extremen Niedrigwasser wurde über die Jahrhunderte hinweg zwar bei Altrip immer wieder römisches Mauerwerk im Rhein gesichtet, doch dieses stammt von zwei rechtsrheinischen Bauten. Weitere Grabungen in den Jahren 1910, 1919 sowie im Frühjahr 1926 brachten keine besonderen Erkenntnisse. Erst 1926/1927 sowie 1932 gelang es unter Professor Gerhard Bersu (1889 bis 1964), dem örtlichen Grabungsleiter Friedrich Sprater aus Speyer nach 98 Schnittgrabungen einen nahezu zutreffenden Kastellplan zu fertigen.

Nachdem der Fundbestand aus allen Grabungen, mit Ausnahme der großen Steine, die in Speyer und Mannheim deponiert sind, während des Krieges in Berlin zugrunde gingen, kam der Grabung 1961 im Zuge der Kanalisationsarbeiten eine erhöhte Bedeutung zu. Gefunden wurde damals der Kastellbrunnen, Mauerreste einer Unterkunft der Kastelltruppen und Reste von Pfahlgründungen, dazu eine Reihe von Kleinfunden und Gebrauchskeramik. Bei dieser Ausgrabung konnte Professor Bersu, drei Jahre vor seinem Tod, dem Kastellgräber, Dr. Günter Stein, aus Speyer, wertvolle Hinweise geben.

Das Bollwerk „Alta Ripa' hatte einen trapezförmigen Grundriss, drei Meter dicke Mauern, eine Frontseite von 118 Metern zum Strom. Es besaß als Wasserkastell 40 Innenräume. Eine Warmluftheizung, Ziegelplattenboden und ein Putz mit ornamentalen Mustern wiesen auf einen hohen Komfort hin. Pfahlgründungen unter dem Mauerwerk lassen außerdem auf entsprechende wasserbauliche Kenntnisse schließen. Bei der letzten Grabung im Jahr 1981 entdeckte der damalige Grabungsleiter auch den Standort des Osttores.

(W. Schneider | 2009)