Kurfürst ordnete Seidenspinnerzucht an

Für einige Zeit wurden im 18. Jahrhundert in der Fischergemeinde Altrip Seidenspinnerraupen gezüchtet. Zum einen war dem Ort, der durch mehrere Totalüberschwemmungen des Rheines völlig verarmt war, ein Nebenverdienst willkommen. Doch zur Seidenraupenzucht kamen sie nicht freiwillig, denn 1777 ordnete Kurfürst Carl Theodor die Anpflanzung von Maulbeerbäumen an.

Seidenspinner (Quelle: 14. Band der 4. Auflage von Meyers Konversations-Lexikon, 1885–90)Seidenspinner, von oben nach unten:
1. Maulbeerspinner (Bombyx mori) nebst Raupe, Gespinst u. Eiern.
2. Südamerikanischer Seidenspinner (Hyalophora cecropia),
3. Chinesischer Seidenspinner (Antheraea pernyi),
4. Ailanthusspinner (Samia cynthia).
(Quelle: 14. Band, 4. Auflage, Meyers Konversations-Lexikon, 1885-90)
Alle Versuche seines Vorgängers sowie einer eigens von ihm gegründeten Gesellschaft waren in diesen Bemühungen gescheitert. Was dem französischen König Ludwig XIV. gelungen war - eine florierende Seidenzucht - das wollte auch er haben. Luxus, wie Seide, Tapeten und Porzellan waren Carl Theodor allemal wichtiger als etwa der Anbau von Nutzpflanzen zur Volksernährung. Die Gemeinde Altrip mit ihren 260 Einwohnern wurde verpflichtet, jährlich 74 „Maulbirnbäum von Kurpfalz gnädigst privilegierter Syden-, Bau- und Manufactur-Gesellschaft Rigal jun. & Cie.” abzukaufen und zwar 32 (!) Jahre lang.

1778 mussten die Altriper Fischer an die Gemeinde eine Umlage für die vorfinanzierte Baumlieferung von 39 Kreutzer je Haushalt zahlen. Geliefert wurde der „Morus Alba”, nämlich der winterharte Chinesische Weiße Maulbeerbau. Seine brombeerähnliche Früchte waren nicht so schmackhaft wie die des Schwarzen Maulbeerbaumes.

Ziel war es, auf Schilfrohrtabletten mit Raupen, die vom Schlüpfen aus den Eiern bis zum Seidenspinnen 27 Tage brauchten, möglichst viele Seidenkokons zu gewinnen. Drei Tage brauchte eine Raupe, um einen Kokon zu spinnen. Jeden Tag mussten die Raupen frische Maulbeerblätter bekommen. Gab es auch nur einen Tag nichts, so gingen die Raupen zugrunde. 1784, im Jahr der großen Hochwassernot, als die ganze Vorderpfalz ein einziger See war, unternahm der Geheime Rath von Maubuisson einen neuen Anlauf in der Seidenraupenzucht. In einem Vorvertrag bot er an, die Chausseegräben sowie den Fuß der Rheindeiche zwecks Baumbesatz von der Gemeinde (kostenlos) zu übernehmen.

In einem „Contract” von 1785 musste sich die Gemeinde gar verpflichten, die bereits gepflanzten und bezahlten Maulbeerbäume ohne Ausnahme auf „ewige Tage” dem Geheimen Rath zu übertragen. Jeder Bürger sollte im Laufe der Zeit auf 40 bis 100 Bäume kommen und der Raupenzucht nachgehen. Zugleich sollten sie um ihre Häuser auch noch sechs Maulbeerbäume haben. Vorvertrag und Contract wurden nahezu gleichlautend mit vielen Gemeinden abgeschlossen.

Die Tätigkeit des Seidenraupenzüchters brachte allerdings so gut wie nichts ein. Sie war zudem sehr zeitaufwändig und äußerst schwierig. Der Feldschütz sowie zwei der jüngsten Bürger wurden dazu verpflichtet, die Anpflanzungen zu schützen. Durch Hochwasser und Racheakte gingen jedoch viele Bäume der „Plantationen” ein.

Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution verstärkte sich der Widerstand dagegen und als 1792 das Privileg der Seidenbaugesellschaft aufgehoben wurde, gab es höchstens noch zehn Prozent der ursprünglich gepflanzten Bäume im Ort. Die Zahlungen an den „Maulbeerbaum-Oberobmann” Salomon für seine Inspektionen flossen bereits seit 1788 nicht mehr, und wurden nach 1793 eingestellt. Dem ruhmlosen Ende der Seidenraupenzucht trauerte niemand nach. Heute findet man in Gärten gelegentlich Maulbeerbäume, allerdings nur zur Zierde.

(Wolfgang Schneider | 2001)