Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger Weidewirtschaft

Bis zur Einführung einer zentralen Wasserversorgung wurde der Wasserbedarf über Brunnen gedeckt. Man unterscheidet gegrabene Brunnen, die meist in der Ebene zu finden sind, und Laufbrunnen, die in waldreichen und bergigen Landschaften vorkommen.

Gegrabene Brunnen wurden über das Grundwasser gespeist. Laufbrunnen erhalten ihr Wasser über Quellen und kleine Bäche. Bei den gegrabenen Brunnen gibt es Schöpf-, Schacht-, Zieh- oder Pumpbrunnen.

Bei den Schöpfbrunnen setzte sich der Typ des Joch- oder Zweischenkelbrunnen durch. Dieser unterschied sich fortan nur noch im Baustoff, in der technischen Weiterentwicklung und in der künstlerischen Gestaltung. Der Altriper Brunnen gehört zu diesem Brunnentyp.

Im ländlichen Bereich unterscheidet man Dorfbrunnen und Gemarkungsbrunnen. Bei den Dorfbrunnen gab es Gemeinschaftsbrunnen und Haus- bzw. Hofbrunnen. Die Gemarkungsbrunnen dienten der Wasserversorgung von Mensch und Tier (s. Namen: Hirtenbrunnen, Kühbrunnen usw.). Auch zum Bewässern der Felder (z.B. Zuckerrüben, Tabak usw.) wurden Brunnen angelegt.

Der Heimatforscher Erich Dudy erwähnt den Altriper Brunnen in seinem Band von 1961 über die Altriper Heimat- und Erdkunde wie folgt: „Von 1750 bis 1800 werden dann die umliegenden Straßenzüge entstanden sein, in deren Mittelpunkt der schöne alte Ziehbrunnen von 1759 lag, der noch heute im Anwesen der Reginostraße 7 zu sehen ist."

Bei früheren festlichen Anlässen (Konfirmation) wurde der Brunnen gerne als Hintergrundmotiv für Gruppenaufnahmen benutzt. Auf alten Aufnahmen ist zu sehen, dass neben dem Brunnen ein größerer Sandsteintrog vorhanden war. Dies deutet auf eine Viehtränke hin. Leider geriet der Brunnen im Laufe der Zeit in Vergessenheit und war dem Verfall preisgegeben. Daher entschloss sich der Besitzer, Herr Werner Hook, ihn der Gemeinde zu schenken. Der Trog ist nicht mehr vorhanden.

Der Brunnen wurde von den Mitarbeitern des Bauhofs abgebaut und dort eingelagert. Am 20.09.2006 wurden die Teile des alten Ziehbrunnens von einem Steinmetz begutachtet, damit ein Kostenvoranschlag für die Restaurierung erstellt werden konnte. Als Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins Altrip hatte ich von dem Termin erfahren und konnte so die Teile des Brunnens fotografieren und ein Protokoll über den Zustand schreiben.

Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger WeidewirtschaftAuszug aus dem Protokoll vom 24.09.2006: „Der Brunnen besteht aus 7 Teilen, die aus gelbem Sandstein gefertigt sind. Zwei schmale Teile der Brunneneinfassung verjüngen sich zu Trägern für das Brunnenjoch. Das Joch selbst ist leicht geschwungen und mit einem eisernen Laufrad für das Zugseil verbunden. Die restlichen 4 breiteren Teile vervollständigen die Brunneneinfassung.

Eines dieser Einfassungsteile ist zum Rand hin so erweitert, dass dort der an einem Seil befindliche Eimer abgestellt werden konnte. Laut Auskunft des Steinmetzes wurde die Brunneneinfassung an zwei Teilen unfachmännisch bearbeitet. Das Brunnenjoch trägt die Jahreszahl 1759. Rechts von der Jahreszahl befindet sich ein „S", durch das ein senkrechter Strich geht. Es sieht aus, wie das Dorfzeichen von Seckenheim."

Nach der Besichtigung kamen mir doch starke Bedenken, ob dieser Brunnen tatsächlich zur Altriper Ortsgeschichte gehört und immer in der Reginostraße 7 stand. Ich entschloss mich daher, weitere Ermittlungen aufzunehmen.

Welchen Zweck sollte der Brunnen von 1759 am Altriper Standort erfüllen? Wie die detaillierten Karten von 1780 und von 1839 zeigen, waren bei den Kartierungen nur die heutige Römer- und die Ludwigstrasse (früher: Unner- und Owwergass, alter Sprachgebrauch wegen der unterschiedlichen Straßenhöhen) besiedelt. Insoweit sind die Vermutungen von Herr Dudy bezüglich des Besiedelungszeitpunkts nicht zutreffend. Vermutlich hat er kein Kartenmaterial von Altrip aus dieser Zeit besessen.

Da der Brunnen ca. 200m von der damaligen Bebauung entfernt war, kann es sich um keinen Hof- oder Dorfbrunnen handeln. Und für einen Gemarkungsbrunnen war er nicht weit genug vom Dorf entfernt. Außerdem waren weder Viehbestände noch Ackerbau vorhanden, die in Altrip einen solchen Gemarkungsbrunnen erfordert hätten.  

Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger WeidewirtschaftIm Buch über die Ortsgeschichte von Seckenheim ist ein Brunnen abgebildet, der nach dem Baustil dem Altriper Brunnen gleicht. Ich fand ihn nicht, wie angegeben, in der Freiburger Str. 14, sondern zwischen den Hausnummern 10 und 12. Nach Rücksprache mit dem Eigentümer des Hauses Nr. 10 konnte ich ihn besichtigen und fotografieren. Dieser Brunnen befindet sich direkt hinter den ehemaligen Stallungen. Er steht mitten auf der Grenze und versorgte früher zwei große Höfe mit Wasser, obwohl er vom Umfang etwas kleiner ist als der Altriper Brunnen.

Was noch gegen den ursprünglichen Standort in der Reginostr. 7 spricht, ist der Zustand des Brunnens. Laut Auskunft des Restaurators wurde ein Teil der vier Einfassungsteile um 10cm gekürzt. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Entweder entstand früher beim Abbau oder Transport ein Schaden, der unfachmännisch beseitigt wurde. Oder die Einfassung wurde laienhaft an den neuen Brunnenschacht angepasst. Auch dies spricht gegen den letzten Standort.

Der Steinmetz teilte auf Befragen mit, dass der Sandstein wohl aus der Leistadter Gegend kommen müsste. An dem Brunnen haben drei Steinmetze gearbeitet. Es ist nicht feststellbar, ob die Arbeiten gleichzeitig oder nacheinander ausgeführt wurden. Folgende Zeichen der Steinmetze sind an den Einzelteilen zu sehen: „A", „K" und „L". Demnach muss es sich um eine Auftragsarbeit handeln.

Außerdem war Altrip bis zu Beginn der Industrialisierung ein armes Fischerdorf. Wer hätte sich einen solch teuren Brunnen leisten können? Im Buch „Altrip in alten Ansichten" findet sich ein Foto aus dem Jahr 1913, aufgenommen an der Ecke Unner- und Owwergass. Dies muss ein zentraler Brunnen gewesen sein, da von hier auch der Weg zur Fähranlegestelle am Altriper Eck ging. Die heutige Rheinstraße war bis 1840 noch nicht vorhanden.

So konnten sich die Bewohner der beiden Straßenzüge als auch Reisende mit frischem Wasser versorgen. Der letzte Satz im Text zum Foto lautet: „Der Brunnen mit dem hölzernen Pumpenstock erinnert daran, dass es damals in Altrip noch keine Wasserleitung gab." Dies ist ein Indiz dafür, dass die Altriper Brunnen aus Kostengründen wohl auch in der Vergangenheit aus Holz gefertigt waren. Deshalb ist von den früheren Brunnen nichts mehr vorhanden.