Eine Beerdigung kostete Pfarrer Kettering fast das Leben

Vor 80 Jahren trat er in den kirchlichen Dienst, vor 60 Jahren, am 1. November 1954, nahm er die Pfarrstelle in Altrip ein und mit 50 Jahren wäre er fast an einem Herzinfarkt verstorben. Gemeint ist Pfarrer Karl Gustav Kettering (*06.09.1906 † 22.11.1979)

Der Bäckersohn, der in Tübingen, Bonn, Berlin und Heidelberg studiert hatte, kannte Altrip schon vor seinem Amtsantritt, denn er war 1936 ein Jahr lang Verweser in Neuhofen und hielt am 2. Weihnachtstag 1936 in Altrip Gottesdienst.

Schon kurz nach seinem Einzug ins Altriper Pfarrhaus, machte er sich im „Blauen Anton“ im Pfarrgarten an die Arbeit. Arbeiten mit Hacke, Harke, Spaten und Schere waren ihm schließlich nicht fremd. Seiner Frideline Alwine zuliebe half er nämlich, so oft es ihm zeitlich irgend möglich war, im bäuerlichen Betrieb der Schwiegereltern Dautermann in Duchroth mit.

Der Altriper Gastwirt Philipp Georg Schneider, als „Möbbel“ ortsbekannt, sah den fleißigen Arbeiter im pfarrherrlichen Anwesen und sprach ihn sogleich an: „Bisch schä blöd, dem Paff soi Erwett zu mache!“, worauf der der ihm erwiderte: „Ich bin de Paff!“ Möbbel war nicht gerade ein gottesfürchtiger Mensch und Kirchgänger. Insoweit ist verständlich, dass er den arbeitsamen Mann nicht als den neuen Ortsgeistlichen erkannte. 

Es war genau einen Tag, nach dem 50. Geburtstag des Pfarrers, als in Altrip ein Doppelmord geschah, der auch ihm fast das Leben kostete.

Lang angestauter Hass eines 19-jährigen Altripers auf seinen Vater entlud sich auf schreckliche Weise. Obwohl der Vater ihm immer Geld gab und ihm sogar seinen Borgward Isabella leihte, beschuldigte ihn der Sohn, er würde seinen Stiefsohn bevorzugen und er verübelte ihm auch, dass er sich von seiner Mutter hatte scheiden lassen und eine jüngere, ebenfalls schon geschiedene Frau, heiratete. Der Sohn erschlug wohl im Streit seinen Vater mit einem Hammer und als seine Stiefmutter hinzukam, auch diese, die er fürchterlich zurichtete.

Schon anderntags wurde der Täter in Höchenschwand im Schwarzwald , wo er zuvor mit seiner Freundin und deren Mutter ein Kino besuchte, verhaftet und gab die Tat zu.

Am 12. September fand die Beisetzung der beiden Opfer auf dem Altriper Friedhof statt. Wegen dem großen Publikumsinteresse wurde die Beerdigung auf 17 Uhr festgesetzt, damit auch viele Berufstätige daran teilnehmen konnten. Manche Altriper nahmen sich sogar Urlaub.

Über die Tat hatte die BILD-Zeitung ausführlich auf ihrer ersten Seite berichtet und Altrip erlangte für geraume Zeit als „Hammerdorf“ einen unrühmlichen Bekanntheitsgrad. 

Hatte Pfarrer Kettering schon am Tag der Einsegnung starke Herzschmerzen, so erlitt er anderntags nahezu einen Infarkt, als er praktisch seine ganze Predigt las:

„Der Herr ist unser Richter, der Herr ist unser Meister – er hilft uns“, rief Pfarrer Kettering aus und betonte, die gesamte Bürgerschaft von Altrip stehe tief erschüttert vor der schrecklichen Tat, die sich vor einigen Tagen abspielte und als einmalig in der langen Geschichte von Altrip bezeichnet werden könne. Die friedliebenden und fleißigen Einwohner der kleinen Gemeinde lehnten diese blutige Gewalttat ab, sie ständen alle noch so sehr unter dem erschütternden Eindruck dieses Geschehnisses, dass sie die Tat nicht fassen könnten. „Wenn es noch Fremde gewesen wären – aber hier standen sich Vater und Sohn gegenüber und die Heilige Schrift hat wieder einmal Recht behalten! Sie sagt schon am Anfang, dass Kain seinen Bruder Abel erschlug….“

In den letzten Tagen, so führte Pfarrer Kettering weiter aus, sei viel geredet, geschrieben, gerichtet und verdammt worden, hier auf dem Friedhof müsse jedoch die Stille des Todes respektiert und gewahrt bleiben. Aus den beiden aufgebahrten Särgen spreche der Tod eine gewaltige Sprache. Die irdischen Gerichte müssten nun ihr Urteil fällen, aber das letzte Urteil über Tat und Täter liege in der Hand des Ewigen. Er verstehe es besser zu richten als alle Menschen, als alle Richter, Staatsanwälte, Psychiater und Mediziner.

„Der Tod des ermordeten Ehepaares, vor allem des (Zahn-)Arztes, der stets ein hilfsbereiter Mann für alle seine Patienten gewesen sei, hinterlasse in Altrip eine Lücke. Niemand habe dem Ehepaar Kronberg ein solches Ende gewünscht, betonte Pfarrer Kettering und sagte, man müssen offen Unrecht nennen, was ein Unrecht sei, aber hier sei eine Verwicklung von vielen Dingen und Ereignissen zusammengekommen und jeder Christ müsse den Willen des Allmächtigen anerkennen. „Er hat ein Anrecht darauf, von uns Rechenschaft zu fordern!“

Zahnarzt Kronberg sei als Arzt hochgeschätzt gewesen, aber alle Tragik im Leben des Verstorbenen sei im Verhältnis zum eigenen Sohn zu sehen. Alle Lebenden müssten daraus die Konsequenzen ziehen und sich die Frage vorlegen, was in den letzten Jahren versäumt wurde. Jeder Vater habe die Verpflichtung danach zu trachten, den Kindern ein Vorbild zu sein und sie mit Liebe, aber auch mit Strenge, zu erziehen. Die Liebe eines Vaters gehe, wie das Beispiel des verlorenen Sohnes zeige, bis ans Lebensende.

Die heutige Jugend müsse lernen, mehr Ehrfurcht vor den Eltern zu haben und das Leben des anderen zu achten. Pfarrer Kettering erhob die Forderung, Staat und Gerichte sollten mit aller Strenge dort durchgreifen, wo es gelte, Verbrechen zu sühnen und einer Gefährdung der staatlichen Ordnung zu begegnen. Auch der Öffentlichkeit sei besser gedient, wenn bei der Bestrafung mit härteren Maßnahmen durchgegriffen würde. Niemand dürfe vergessen, dass man die zehn Gebote ungestraft übertreten werden könne.

Neben dem Part von Pfarrer Kettering für den protestantischen Otto Kronberg sprach der katholische Geistliche von Waldsee, der auch für die Filialkirche in Altrip zuständig war, bei der Aussegnung von Else Kronberg in seinem Gebet „Siehe nicht auf ihre Fehler und Sünden.“ (Anmerkung: Täter und Stiefsohn des Zahnarztes sind bereits verstorben.)

Eine weitere, große Beerdigung war für ihn am 13. Juni 1959. Carl Friedrich Baumann, erster in Persönlichkeitswahl 1929 gewählter ehrenamtlicher Bürgermeister von Altrip, Mitglied des Kreistags und Kreisausschusses des Landkreises Ludwigshafen, Gründer der Wählergruppe Baumann und Geschäftsführer der Firma Baumann GmbH, Ziegelei und Kiesbaggerei in Altrip und erster Altriper, der das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, war am 11. Juni in der Nacht verstorben und schon anderntags, an einem Freitag, wurde die Beerdigung für den folgenden Tag festgelegt. Und Pfarrer Kettering erfuhr sogleich, dass mit einer sehr großen Trauergemeinde und mit vielen Trauerrednern zu rechnen sei, trotz einer nur telefonisch möglichen Verständigung.

Pfarrer Karl Gustav KetteringPfarrer Karl Gustav Kettering

Im Gegensatz zur Trauerfeier von 1956, wo es um Schuld und Vergebung sowie Mahnung an die Lebenden ging, musste Pfarrer Kettering in aller Eile sich Informationen über den Verstorbenen bei Presbytern, der politischen Gemeinde und bei Beschäftigten der Firma Baumann sowie der Wählergruppe einholen. Er durfte bei der Würdigung des Verstorbenen nichts Wesentliches vergessen und auch nicht den vielen nachfolgenden Trauerrednern alles vorwegnehmen. Für ihn also ein fürchterlicher Spagat unter enormem Zeitdruck. Am Tag der Beerdigung wälzte sich eine wahre Autokolonne Richtung Friedhof. So viele Fahrzeuge wurden zuvor in Altrip noch nie gesehen.

Auf dem Friedhof waren die Abordnungen nahezu aller Altriper Vereine, Gemeinde- und Kreisräte, viele Corpsbrüder aus Erlangen, Jäger und Vertreter des Ziegeleiverbandes, um dem mit 71 Jahren Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Pfarrer Kettering wies auf das höchst segensreiche Wirken des Verstorbenen für die Gemeinde und das größte Wirtschaftsunternehmen im Ort hin und besonders auch auf seinen Militärdienst.

„Carl Baumann nahm an beiden Weltkriegen teil – und zwar jeweils vom Anfang bis zum jeweils bitteren Ende. Zehn Jahre also! Was das heißt, kann ich ermessen, denn auch ich wurde 1940 zum Kriegsdienst eingezogen und erlebte anschließend Zeiten einer Gefangenschaft.“

Neben dem Pfarrer sprachen noch über ein Dutzend Trauerredner. Und alle hatten auch wirklich etwas zu sagen. Und so geriet die Trauerfeier letztlich zu einem geschichtlichen Lehrstück.

Pfarrer Kettering wirkte von 1954 bis 1971 höchst segensreich als Verkünder der Worte Gottes in Altrip. Er wurde 1906 in Pirmasens geboren und starb 1979 in Alzey.

(Wolfgang Schneider, Dezember 2014)