Wie ein Nationalliberaler an die Macht kam

Michael Baumann erkämpfte vor 100 Jahren in Altrip das Bürgermeisteramt

Michael Baumann wurde vor 100 Jahren durch eigenes kluges Taktieren vom Gemeinderat einstimmig zum Altriper Bürgermeister gewählt. Unter anderem führte er im Dorf elektrisches Licht ein.

Vor 100 Jahren fanden in Altrip Gemeinderatswahlen statt, und anschließend wählte das Gremium den Bürgermeister und dessen Stellvertreter. Der Ziegelei- und Großgrundbesitzer Michael Baumann, der den Nationalliberalen angehörte, wollte in dem Arbeiterdorf gerne Bürgermeister werden. In der einstigen Hochburg der "Nazzen", wie die Nationalliberalen genannt wurden, war die Ausgangsposition aber schlecht. 1908 erhielt nämlich nach dem Tod des "roten" Pfalzgrafen, Franz Josef Ehrhart, der Kandidat der Nationalliberalen bei der Nachwahl zum Reichstag noch nicht einmal 30 Prozent der Stimmen. Baumann führte daher viele Gespräche mit seinen Arbeitern, die zumeist mit der sozialistischen Arbeiterbewegung sympathisierten, um eine gemeinsame Liste von Nationalliberalen und Sozialdemokraten zu ermöglichen.

Damals durften - im Gegensatz zu Landtags- und Reichstagswahlen - bei Gemeinderatswahlen die Bewerber nicht auf Listen einer Partei kandidieren. Gemeinderäte wurden daher in Persönlichkeitswahl oder über Listen mit einem speziellen Kennwort gewählt. Da die Gefolgsleute des bisherigen Bürgermeisters als "Freie Bürgerpartei" antraten, stellte Baumann ihnen eine "Vereinigte Bürgerpartei" entgegen. Ein geschickter Schachzug, denn er bezeichnete die Sozialisten als "Bürger' und betrachtete sie nicht als Bürgerschreck. Und diese Liste errang einen großen Erfolg. Alle 18 Sitze fielen an die "Vereinigte Bürgerpartei". Von den rund 2300 Einwohnern waren vor 100 Jahren nur 406 Bürger wahlberechtigt. Die Wahlbeteiligung lag bei 95 Prozent.

Nunmehr saßen im Gemeinderat elf Nationalliberale und sieben Sozialdemokraten. Baumann wurde von den Gemeinderäten einstimmig zum Bürgermeister und der Sozialdemokrat Philipp Hook IV. ebenso einstimmig zum Adjunkt, was dem heutigen Beigeordneten entspricht, gewählt.

Von 1909 an reichten die "Baumänner" zu Gemeinderatswahlen nahezu 50 Jahre lang Listen mit unterschiedlichen Bezeichnungen ein, und auch die heutige FWG steht in dieser Tradition. Baumann unterstützte eine Grabung nach dem Kastell "Alta Ripa', meisterte die Hochwasserkatastrophe 1910 und machte die Fähre durch eine bis zu 100 Meter anbaubare Holzbrücke für den Kraftfahrzeugverkehr fit. Zudem führte er die elektrische Beleuchtung ein. Etwas mehr als vier Jahre übte Michael Baumann das Amt des Bürgermeisters aus. Er starb 1914 im Alter von 56 Jahren. (wlf)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 11.12.2009)