Selten über 70

Im Hinblick auf die im gleichen Jahr stattfindenden Europawahlen stand der „Tag der älteren Generation” am 7. April 2004 unter dem Motto: „Ein Europa für alle Lebensalter – stark und solidarisch”. Die ältere Generation hat sich vor allem im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts verändert, wie ein Blick auf die Geschichte der alten Menschen in Altrip beweist.

In der Rheingemeinde erwähnte der protestantische Pfarrer Wilhelm Zinn, dass sich 1866 unter den rund 850 Seelen des Dorfes zwei Personen mit mehr als 70 Lebensjahren befanden. Als 1926 der ehemalige Landwirt Jakob Weber I. als ältester Einwohner von Altrip seinen 90. Geburtstag feierte, erwies ihm das ganze Dorf seine Referenz.

Ja mehr noch, weil er eben so alt wurde, dass ganz Altrip auf ihn stolz war, schlug ihn der Historische Verein Altrip für die erste Ehrenbürgerwürde des Dorfes zu seinem 93. Wiegenfest vor. Der Gemeinderat stimmte frohen Herzens zu, und flugs wurde auch eine Besuchsdelegation mit Bürgermeister Adam Jacob an der Spitze gebildet und eilends auch ein Strafregisterauszug eingeholt.

Am 8. November 1929, dem Geburtstag des Auserkorenen, sollte die Ehrenbürgerkunde feierlich überreicht werden. Just an diesem Tag winkte Weber jedoch ab, da ihn wohl einige Gemeindeväter bei Stammtischgesprächen mit einem „oberfaulen Invaliden” des Dorfes verglichen hatten.

Weber war mit seinem hohen Alter in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein seltener „Ausreißer”. Im Jahr1929 gab es bei nicht ganz 3000 Einwohnern nur 47 Altbürger im Alter von über 70 Jahren, darunter waren die Männer mit 26 in der Überzahl. Über 80 Jahre waren damals drei Männer und drei Frauen.

Die ganze Gemeinde war bei den höchst seltenen Diamantenen Hochzeiten und den noch selteneren 90. Geburtstagen „aus dem Häuschen”. Als Mathäus Hauk und seine Frau Sophia am 9. Oktober 1935 ihre „Diamantene” feierten, wurde das Ereignis gar über den Reichssender Stuttgart bekannt gegeben.

Nach Kriegsende wünschte die Gemeinde ihren Bürgern über 80 Jahren, dass „Gott Ihnen noch ein langes Leben schenkt”. Zwanzig Reichsmark gab es obendrein. Am 17. Dezember 1950 lud Altrip erstmals Alt- und Neubürger über 70 Jahre zu einer Weihnachtsfeier mit Bescherung ins Gasthaus „Himmelreich” ein.

1951 war Konrad Schneider mit 86 Jahren der älteste Einwohner, 1956 Peter Hört mit 90 und 1958 Georg Hochlehnert mit 90 Lebensjahren. Erst 1960 hatte seit vielen Generationen erstmals eine Frau die Ehre, als 90-Jährige bejubelt zu werden: Elisabeth Schweikert.

Doch dann ging die Entwicklung rasant weiter. Schon ein Jahr später gab es gleich drei Diamantene und gar eine Eiserne Hochzeit (65 Jahre). 1971 zählte die Rheingemeinde 331 Altbürger über 70 Jahre bei 5438 Köpfen, und Ende 2002 waren es schon 908 bei 7953 Einwohnern. Der Anteil stieg also in rund 30 Jahren von sechs auf über elf Prozent. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass es mittlerweile in Altrip ein Seniorenheim gibt, in das viele Hochbetagte von auswärts eingezogen waren.

Der „Tag der älteren Generation” wird seit 1968 jährlich Anfang April begangen. Eingeführt wurde der Gedenktag von der Selbsthilfeorganisation „Lebensabend-Bewegung” (LAB). Die beachtliche Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung, insbesondere im vergangenen Jahrhundert, wird an diesem Tag mit all ihren Auswirkungen auf das kulturelle und sozialpolitische Leben von den verschiedensten Seiten beleuchtet.

(W. Schneider | 2004)