Das Aus für den Mann an der Kurbel

Der „Ferge” ist heute nur noch in der Dichtersprache als Bezeichnung für den Fährmann gebräuchlich. Ebenso gehört der Ruf: „Fährmann, hol über!” am Rhein bei Altrip längst der Vergangenheit an. Geblieben ist die geschichtliche Bedeutung der Fergen über Jahrhunderte hinweg. Obwohl wesentlich älter, so erfahren wir erstmals 1262 etwas über das „passagium” (Überfahrt) in einer Urkunde von Pfalzgraf Ludwig II. – und dann erst wieder 1366, als Kurfürst Heinrich Orsicher und Heintzen Müller neben der Fähre auch noch das Schultheißamt übertrug.

Jahrhunderte lang wurden Menschen per Nachen über den Rhein gesetzt, weshalb auch vom „Nachenfahr” gesprochen wurde. Nach dem Altriper Rheindurchstich wurde ab 1874 die Überfahrt mit einer „Nähe”, einer flachen, plattbodigen kastenartig offenen Kleinfähre mit Handruder, bewerkstelligt. Erst ab 1889 experiementierte die Gemeinde mit einer so genannten Gierfähre im Querseil und später im Längsseil.

Die Neckarauer juxten damals oft: „Altrip ohne seine Näh' ist wie ein Fischer ohne Netz.” Doch erst 1909 erhielten die Altriper eine Fähre, die neben der Personenbeförderung auch dem Fuhrwerksverkehr diente. Ab 1912 konnte die Fähre auch bei Niedrigwasser von Fahrzeugen benutzt werden, denn die Gemeinde schaffte Brückenmaterial an, um – je nach Wasserstand – eine hölzerne Zufahrtsbrücke zu verlängern oder zu verkürzen. Dies konnte täglich notwendig sein. Ausführen mussten diese Arbeiten die Fährpächter.

Die Gierfähre benötigte keinen Treibstoff und keine Ruderkraft. Die Fähre hing an einem langen Seil, das in der Strommitte fest verankert war und verfügte zumeist über zehn Buchtnachen, die mittels Handkurbel gegen die Strömung gedreht wurden. Durch die Kraft der Wasserströmung wurde die Fähre über den Fluss gesetzt. Auf badischer Seite versperrte die Fähre mit ihren Buchtnachen und dem langen Gierseil die Schifffahrtsrinne. Kam ein Schiff in schneller Fahrt zu Tal, so hieß es für die Fähre schleunigst abzulegen, um einer Havarie zu entgehen. Gelang dies nicht rechtzeitig, so hätte das Seil abreißen, die Fähre hilflos um ihre eigene Achse trudelnd rheinabwärts treiben können und wäre erst am Neckarauer Strandbad „hängen” geblieben.

Die Fähre wurde jährlich zum 1. April versteigert. Die erzielte Pacht stellt in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine wichtige Einnahmequelle für die Gemeinde dar, die öffentliche Auktion war eine Gaudi für die Bevölkerung. Doch nicht nur die Pacht war hoch, sondern auch die Forderungen an die Fährmänner. Bei Hochwasser, Eisgang beispielsweise, war durch zwei Nachen mit je drei Mann der Verkehr aufrecht zu erhalten. Zu den extensiven Übersetzzeiten, 4.30 Uhr bis zum Eintreffen der Bahnfahrgäste der 24-Uhr-Linie, verlangte im Einzelfall der Bürgermeister weitere Übersetzzeiten. Bei Dorffesten hatte der Ferge die ganze Nacht zu „schiffen”. Das Schiff war zudem jedes Jahr von außen zu teeren und zu streichen. Die Zufahrtsbrücke war im Sommer oftmals bis auf 100 Meter Länge zu erweitern und im Winter galt es, Zufahrtsrampen schnee- und eisfrei zu halten.

Sogar die Fährkarten mussten die Fährleute beschaffen und bezahlen. Doch nicht genug: War die Fähre länger als zwei Tage außer Betrieb, dann musste ein Motorboot angemietet werden. Diese strengen Auflagen galten sogar im letzten Krieg. Während der üblichen Überfahrtszeit mussten die Fährleute stets bereit sein. Machte sich ein Fahrgast durch Rufen oder Winken am anderen Ufer bemerkbar, musste die Fähre unverzüglich übersetzen. Viel Ärger gab es, wenn die Fährleute bei Gegenwind oder schlechtem Wetter nicht gleich reagierten.

Jugendliche trieben zudem mit den Fährleuten ihren Schabernack. Das alte Fährschiff, das im März 1945 versenkt wurde und erst wieder 1948 seinen Dienst aufnahm, stellte ab 1953 eine ernsthafte Gefahr für die wachsende Schifffahrt dar, insbesondere durch die vielen „Selbstfahrer”. Manchmal konnte die Fähre bis zu anderthalb Stunden nicht übersetzen, was besonders im morgendlichen Berufsverkehr die Fährbenutzer verärgerte. Oftmals wurden die Fährleute, sogar unter Androhung von Gewalt, zu riskanten Überfahrten genötigt. 1956 war die Altriper Gierfähre die einzige Großfähre dieser Art auf dem gesamten Rheinstrom. 1958 kam mit dem Einsatz der modernen Motorfähre das endgültige Aus für den Fährmann an der Kurbel.

(Wolfgang Schneider | 2003)