Überschwemmungen verscheuchten, Industrie lockte Neubürger

Altrip darf bald seinen 8000. Einwohner begrüßen. Doch die Rheingemeinde tut sich trotz EDV ziemlich schwer, Einwohner Nummer 8000 zu ermitteln, da sie nur monatlich eine Aufstellung vom Statistischen Landesamt in Bad Ems erhält. Ein Blick auf die eigenwillige Einwohner-Entwicklung des Orts lohnt sich dennoch.

Obwohl der Siedlungsplatz Altrip spätestens seit dem Jahr 369 bestand, dauerte es bis 1876, ehe erstmals 1000 Einwohner den Ort besiedelten. Noch während des 18. Jahrhunderts gab es keinerlei Bevölkerungsanstieg. Im Gegenteil: Über viele Jahre hinweg schrumpfte die Einwohnerzahl. Erst mit der Niederlassungsfreiheit nach 1797 änderte sich das. Vorher kam nur „fremdes Blut” ins Land, falls der Landesherr dies zuließ. Nun ließen sich fremde Handwerker in Altrip nieder und versuchten ihr Glück. Viele davon trieb es wegen der ständigen Hochwassergefahr, den vielen Schnaken und der geringen Kaufkraft wieder weiter.

Doch etliche blieben, teils auch der Liebe wegen, „hängen”. Und so stieg die Kopfzahl von 1801 bis 1831 von 231 auf 462. Und das, obwohl der Ort in dieser Zeitspanne etliche Totalüberschwemmungen durch die Rheinfluten erlebte. Sogar der Ortsgeistliche suchte sich entnervt eine andere Stelle. Neben den Überschwemmungen im 19. Jahrhundert kam auch der Rhein noch rund zwei Dutzend Mal zum „Stehen”, war also zugefroren.

Dennoch geht dieses Jahrhundert als das mit der größten Bevölkerungszunahme in die Ortschronik ein, denn die Kopfzahl stieg von 231 auf 1649 und hatte sich damit mehr als versiebenfacht. Maßgebend hierfür war das Aufblühen der heimischen Ziegelfabrikation sowie das rasante Wachstum der Industrie in Rheinau und Neckarau, insbesondere nach 1870.

Schon frühzeitig interessierten sich Landesherren, wie später Politiker, für „Darunterzahlen”. 1768 begnügte man sich nicht mehr nur mit der Erhebung der Zahl der Haushalte und des Viehs, sondern stellte fest, dass es je 69 Männer und Frauen gab, die 78 Töchter und 66 Söhne hatten und acht Knechte und Mägde beschäftigten. Altrip zählte somit 290 Einwohner. Diese hatten 64 Häuser und 21 Scheunen sowie 132 Kühe und sechs Rinder. 1871, im Jahre der Kaisergründung, gab es neben 853 Protestanten und 66 Katholiken keine „Sonstigen” und schon gar nicht Bekenntnislose. Im Kriegsjahr 1916 stellte man 30 fremde Militärpersonen sowie 27 Kriegsgefangene fest. Schon bei der Volkszählung 1919 freute die Statistiker, dass es trotz der 87 Kriegstoten nur zwölf Frauen mehr als Männer gab, was bei 2454 Einwohnern nicht groß ins Gewicht fiel.

1930 waren in Altrip der günstigen Gewerbesteuer wegen 205 Schiffer polizeilich gemeldet, und zwar nahezu alle im „Pfälzer Hof”. Mit Schiffern zählte der Ort schon 1927 3000 Einwohner, ohne sie erst 1932. Obwohl Altrip stets eine Hochburg der Protestanten war, gab es 1931 einen „Ausreißer”. Unter den damals 189 Schiffern waren die Katholiken mit 104 in der Mehrzahl. Am 22. August 1955 wurde der 4000. Einwohner gezählt, nämlich ein Enkel des Rathaus-Hausmeisters, der in einem Entbindungsheim in Neckarau zur Welt kam. Seither hat sich die Zahl der Einwohner verdoppelt.

Je nach den Zeitabständen wurden bei den „Darunterzahlen” stets andere Zahlen interessant. So zählte Altrip 1961 unter den 4556 Einwohnern 766 Flüchtlinge und Heimatvertriebene sowie 73 Ausländer. Wie schnell sich Entwicklungen ändern können, zeigt die Tatsache, dass 1967 52 Sterbefällen noch 97 Geburten, darunter 18 Hausgeburten, gegenüberstanden. Schon fünf Jahre später kamen nur noch 40 Geburten auf 54 Sterbefälle.

(Wolfgang Schneider | Juli 2002)