Der „Kurvenkratzer” lockt die Stars auf staubige Piste

Nächste Woche findet 50. Sandbahnrennen statt – Motor-Sport-Club hat sich in 50 Jahren einen Namen gemacht

Die Fahrer schätzen auch die urige Atmosphäre im „Altriper Ei“. | ARCHIVFOTO: KUNZ

Das nimmt dem Motor-Sport-Club Altrip niemand: Er ist mit seinen nicht ganz 130 Mitgliedern einer der kleinsten deutschen Motorsport-Vereine und hat in der Szene dennoch einen Ruf wie Donnerhall. Was an der sehr schwierig zu meisternden 702,5-Meter-Bahn mit den zwei ungleichen Kurven liegt, aber auch an dem „Drumherum” beim Sandbahnrennen.

Als „verblüffend originell” befand einmal der einstige Star-Fahrer Egon „Rakete” Müller das Geschehen auf den exakt 100.000 Quadratmetern des MSC Altrip im Gemarkungsteil „Vierzigmorgen”. Er meinte damit sowohl die Rennstrecke als auch die urige Atmosphäre überhaupt. Für jeweils bis zu 6.000 Fans der Sportler mit dem Bleischuh gibt es an den Fronleichnam-Nachmittagen jedenfalls nichts Schöneres als ein Aufenthalt im „Altriper Ei”. Woran die ausgezeichnete Bewirtschaftung großen Anteil hat. Der gute Ruf des MSC Altrip rührt freilich in erster Linie daher, dass versucht wird, immer Fahrer der Qualitätsmarke „Erste Sahne” zu engagieren. Was auch meist gelingt. „Mickey-Maus-Renne? Nä, so was machen mir net – dann heer mir liewer uff”, unterstrich vor Jahren der erste Vorsitzende Karl-Martin Gensinger das Anspruchsdenken des Vereins, der den Anhängern des Sandbahn-Sports stets Qualität bieten will. Zwar wird in Altrip eben wegen des ungleichmäßigen „Kurvenverhaltens” der Sandbahn vermutlich nie ein WM-Lauf ausgetragen werden, aber das nimmt der Motor-Sport-Club locker in Kauf.

Der Verein wurde an Buß- und Bettag 1952 gegründet. Um den ersten Vorsitzenden Kroneberg scharten sich immerhin 14 Gleichgesinnte. Sie und nachfolgende Mitglieder richteten zwischen Bäumen und Bombentrichtern in den „Vierzigmorgen” zunächst zwei Geländerennen aus und ließen vier Motocross-„Ereignisse” folgen. Ins eigentliche Sandbahn-Geschehen stieg der MSC Altrip am 20. August 1958 ein. Das Echo auch unter den Fahrer war groß, was den „Machern” Mut zu weiteren Taten machte. Ab 1963 – nach wie vor mit (dem vor ein paar Wochen verstorbenen) Ludwig Hochlehnert als „Ankurbler” – erhielt die Altriper Bahn ihren internationalen Anstrich: Die ersten Ausländer gingen an den Start.

Fünf erste Vorsitzende „verschlissen” hat der Verein, der seine große Jahresveranstaltung zunächst an Pfingstsonntag, ab 1977 an Fronleichnam angesetzt hat. Auf Kroneberg folgten Friedel Schneider, Dr. Reinhold Hochlehnert, Werner Schütze, Heinz Hochlehnert und Karl-Martin Gensinger. Er übernahm 1975 als 31-Jähriger die „Dirigentenrolle” und führt nunmehr im 27. Jahr den MSC. Der Verein hatte Ludwig Hochlehnert zum Ehrenpräsidenten, hat einen Ehrenvorsitzenden (Friedel Schneider) und ein Ehrenmitglied (Karl Kreile).

Der MSC Altrip unterhält sein von der Gemeinde in Erbpacht langfristig zur Verfügung gestelltes Gelände in eigener Regie, wofür das Jahr über und vor allem vor den Rennen „ziemlich gschafft werd” (Gensinger). Gut 5000 Quadratmeter des Geländes hat der Verein mit Baulichkeiten belegt, die restlichen 95.000 Quadratmeter wurden in aufwändiger Freizeitarbeit rekultiviert. In groben Zügen renngerecht hergerichtet hat die Altriper Bahn eine von Ludwig Hochlehnert 1958 „gemanagte” US-Einheit aus Kaiserslautern. Den Umbau zu meistern, half eine von dem verstorbenen Speyerer Hans Weiß vermittelte Pioniergruppe der Bundeswehr aus der Kurpfalz-Kaserne in Speyer – ihre Planierraupen gaben dem Stadion das „Gesicht”.

Um das „Altriper Ei” rasten und schlitterten nahezu alle Asse der Langbahn-Szene. Meist für Knüller gut waren die mehrfachen Weltmeister Gerd Riss, Egon Müller und Karl Meier, Simon Wigg, Ivan Maugher, Kelvin Tatum Ole Olsen sowie namhafte Gespanne, unter anderem die europäischen und Deutschen Meister Josef Onderka, Tommy Kunert, Karl Kreil und die „legendären” Michael und Rosamunde Datzmann.

Haupttrophäe des mehrmals mit ADAC-Prädikatsveranstaltungen um den „Goldhelm” bedachten Vereins ist der in Fahrerkreisen sehr begehrte „Goldene Römer von Altrip”. Auf ihn scheint Gerd Riss abonniert zu sein, gewann er ihn doch schon acht Mal. Vor Riss „Spitzenreiter” war der Schwede Sture Lindblom mit fünf Römern; Olsen Müller, Meier und Wigg holten die Trophäe je zwei bis drei Mal. Riss zeichnete sich auf der Altriper Bahn auch in anderer Weise aus: Er stellte vor zwei Jahren mit 115,18 km/h den Bahnrekord auf.

10.000 Zuschauer, davon immerhin 8.100 zahlende, war die größte Menschenmenge im „Ei” von Altrip. „Wenn ich do dra(n) denk, krieg ich heit noch s'Schwitze”, versichert der Vereinsboss Gensinger. Denn die Menschenmasse brachte Bahngelände und Ordnungsdienst an den Rand der Belastbarkeit.

Die Beliebtheit der Altriper Rennen unter den Fahrern erklärt auch eine Spezialität, die zugleich eine Werbung für den Pfalzwein darstellt. Jeder kriegt eine Flasche „Altriper Sandbahn spezial Kurvenkratzer”, meist ein Riesling. Der Däne Ole Olsen war auf den „Saft” so scharf, dass er seinen Verträge nur unterzeichnete, wenn auf ihnen der Zusatz „und eine Kiste Kurvenkratzer” vermerkt war. (wk)

Info
Das 50. Sandbahnrennen findet an Fronleichnam, Donnerstag, 30. Mai, auf dem Gelände des MSC Altrip statt.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 24. Mai 2002)