Die Jagd nach Kies und Sand

„Viele Steine gab's und wenig Brot”, lautet ein alter Spruch. Eigentlich sollte man meinen, dass die Altriper früher auf ihrer Halbinsel, wenn schon keine blühende Landwirtschaft, wenigstens genügend Sand und Steine hatten. Doch nur im offenen Rhein trat Kies und Sand direkt zu Tage. Im Boden fanden sich zwar überall Kiesflöze und darüber auch Sand, doch darüber lag in aller Regel Rheinschlick, auch Lehm genannt.

Vor dem Ersten Weltkrieg waren vier Ziegeleien dabei, die Lehmschicht weitgehend abzutragen. An Sand und Kies war nicht so leicht zu kommen. Aber die Gemeinde benötigte, etwa um die Schlaglöcher in den unbefestigten Straßen aufzufüllen, Kies und zu Bauzwecken auch Sand. In dieser Situation bewilligte ihr das Bezirksamt Ludwigshafen ausnahmsweise und zeitlich befristet in den Jahren 1905/06 die Entnahme von 200 Kubikmeter Kies und Sand aus dem Rheinbett. Zehn Pfennig je Kubikmeter musste die Gemeinde dafür berappen.

Als jedoch die Altriper sahen, dass sich die Gemeinde aus dem Rhein bediente, machten sie es ihr nach. Freilich ohne Genehmigung und ohne Bezahlung. Das Königliche Straßen- und Flussbauamt Speyer beklagte sich 1909 in einem Brief an die Gemeinde, dass unbefugterweise auch Sand aus dem Altriper Altrhein entnommen wurde. Hauptsächlich Kinder, aber auch Frauen, trugen den Sand in Körben und Säcken die Böschung hinauf und beschädigten hierbei den Flechtzaun und das Steindämmchen an der Fährstraße. Auch die vom Verschönerungsverein Altrip gepflanzten Bäumchen wurden in Mitleidenschaft gezogen. Das Flussbauamt drohte Strafen an und die Lehrerschaft musste per Unterschrift Kenntnis von den Vorgängen nehmen und auf die Schuljugend einwirken. Doch dies nutzte nichts.

1911 beklagte die Flussbaubehörde, dass Kinder „im Auftrag ihrer Eltern” am Ufer des Altrheins weiter nach Sand gruben. Der Dammmeister wurde daher angehalten, entsprechende Strafen zu verhängen. Doch vergeblich. Allein am 29. Oktober 1913 wurden vom Dammmeister über 30 Kinder beobachtet, die aus der Verlandungszone Sand entnahmen und auf kleinen Handwagen nach Hause fuhren. Dabei wog besonders schwer, dass sie auch die rückwärtige Böschung der neuen Fährstraße angruben. Auch aus dem offenen Rhein wurde weiter Kies entnommen. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Bauwirtschaft darnieder lag und alles, auch Steine, kontingentiert war, wurden gar im Jahre 1921 die alten Ufersicherungssteine des Altriper Altrheins entnommen – und zwar nahezu alle.

Nach dem letzten Krieg schuf die Gemeinde für die Altriper auf den „40 Morgen” eine Sandgrube, die erst 1954 geschlossen wurde. Doch die Tradition hat der Selbsthilfe hat irgendwie überlebt: Heutzutage suchen die Altriper wieder Sand, um bei Hoch- und Druckwasser ihr Eigentum mit Sandsäcken zu schützen. Den Sand hierzu nehmen sie sich dabei auch schon mal aus den Sandkästen der Spielplätze...

(Wolfgang Schneider | Juli 2001)