Weinstube öffnet nach Streit um Konzession

Als „Blamage für den ganzen Gemeinderat” bezeichnete Bürgermeister Adam Jacob die Ablehnung einer Konzession für eine Weinstube in Altrip durch das Bezirksamt Ludwigshafen im Jahr 1926. Die Ablehnungen zur Errichtung der Weinwirtschaft „Zur goldenen Traube” gegenüber der Kirche hatten Rat und Ortschef noch „geschluckt”. Die „Bedürfnisfrage” hatte das Bezirksamt jedoch stets verneint, trotz des gegenteiligen Ratsbeschlusses. Acht Lokale und zwei Werkskantinen seien genug, argumentierte die Behörde.

Jacob, der selbst einem guten Tropfen Wein zugeneigt war, fuhr gegen die neuerliche Ablehnung einer Weinstube schweres Geschütz auf. Den Rat forderte er auf, offiziell Protest gegen die Brüskierung seines Beschlusses einlegen. Und alle Räte folgten brav der Aufforderung.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte Bäckermeister Christoph Engelhorn sein Lokal „Zur Altriper Weinstube” geschlossen, weil ihm eine Erweiterung auf Bierausschank verweigert wurde. Seither hatte Altrip keine Weinstube mehr. „Völlig unberücksichtigt”, so der Bürgermeister, blieb die Tatsache, dass der Ort schon vor 20 Jahren die gleiche Zahl von Schankwirtschaften hatte und die Einwohnerzahl mittlerweile um rund 50 Prozent gewachsen sei. Auch den sonntäglichen Ausflugsverkehr nach Altrip hatte das Bezirksamt ignoriert. In Sachen „Bedürfnisfrage” wurde stets von der Behörde eine Stellungnahme des Gaststättenverbandes eingeholt. Dieser Verband wurde oft von den Wirten gedrängt, keine Konkurrenz mehr zuzulassen.

Wie dem auch sei: Der Protest des Gemeinderats hatte Erfolg und in Altrip konnte vor 1926 die „Weinstube Schneider” öffnen. Übrigens: Das Anwesen hatte Philipp Ferdinand Schneider, ein Bruder des berühmten Altriper Schriftstellers und Ehrenbürgers Wilhelm Michael Schneider (Perhobstler), von Lehrer Hermann Albert gekauft, dessen Frau in in jenem Haus ihre schriftstellerische Laufbahn unter dem Pseudonym Lotte Mühlborn begann.

Der „Weinstübler” war auch Rechner der Spar- und Darlehenskasse Altrip. Und so kam es, dass Besucher sowohl der Weinstube als auch seiner Bank über die Terrasse in sein Haus kamen. Allerdings über getrennte Türen. (Und manchmal gingen sie von einer Tür zur anderen).

In der „Weinstube Schneider” wurde 1937 der Karneval-Verein „Castell”, die heutige KGW, gegründet. Mit von der Partie war damals auch der Stammgast und frühere Bürgermeister Jacob. Nachdem nach 1942 das rein männliche Publikum, insbesondere aus Neckarau und Rheinau, ausblieb, schloss die heiß umkämpfte Weinstube. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie noch einmal kurz verpachtet, doch durch die Verkehrssperre auf dem Rhein und die Geldknappheit blieben die „Überrheiner” völlig aus. So kam das endgültige Aus. Und seither hat Altrip keine Weinstube mehr. 

(Wolfgang Schneider | April 2001)