Wühlen im Gedächtnis der Gemeinde

Die 39-jährige Nina Reinhard-Seelinger bringt das Archiv im Rathaus auf Vordermann

Von der Öffentlichkeit bislang unbemerkt ist Nina Reinhard-Seelinger schon seit über einem Jahr im Kellergeschoss des Altriper Rathauses mit der wissenschaftlichen Erschließung des Gemeindearchivs beschäftigt. Die älteste Landkreisgemeinde wollte schon lange ihr Altarchiv auf Vordermann bringen. Da traf es sich gut, dass die 39-Jährige noch zusätzliche Arbeit annehmen konnte.

Nach einer Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Landesarchiv Speyer ist sie seit 1992 selbstständig und hat sich der Erschließung von Kommunalarchiven verschrieben. So etwa dem Aufbau des neuen Stadtarchivs Schifferstadt. Das Wühlen in zum Teil sehr staubigen, zerfledderten und oft angeschimmelten und ungeordneten Akten nimmt sie dabei in Kauf, denn der Gedanke, das „Gedächtnis der Gemeinde Altrip zu bewahren und zu erneuern”, fasziniert sie.

Im Kellergeschoss des Altriper Rathauses wertet Nina Reinhard-Seelinger alte Akten aus. | FOTO: LENZDie Arbeiten werden wohl noch gut zwei bis drei Jahre auf Werkvertragsbasis andauern. Immerhin sind rund 220 laufende Meter Archivgut zu ordnen, zu signieren und zu katalogisieren. Im Archivraum des Rathausanbaus, in dem die zierliche Frau so eifrig am Bildschirm ein Repertorium (Such- oder Findbuch) erstellt, gibt es mittlerweile wenigstens einen fußwarmen Belag und einige Metallregale.

Schon 380 Archivalien hat sie systematisch aufgenommen. Und wenn auch die Luft trocken und die Akten angestaubt sind, so „lebt” Geschichte doch beim Lesen wieder auf. Sei es im Akt „Kinderarbeit”, der etwa aussagt, dass Kinder unter 14 Jahren von 6 bis 12 Uhr und Kinder von 14 bis 16 Jahren gar von morgens sechs bis abends sechs in den vier Ziegeleien zu arbeiten hatten. Anno 1903 bis 1913. Oder die „Leichenländung”, ein Akt aus den 20er Jahren mit zum Teil grässlichen Fotos von Wasserleichen, die zumeist an der Altriper Fähre an Land gezogen wurden. Ein Haus- und Grundbesitzerverzeichnis aus der „Franzosenzeit” von 1812 findet sich ebenso im Fundus wie ein Vermögensverzeichnis von 1717 oder ein „Altriper Kauf- und Vertheilungsprotocoll von 1739 bis 1797”. Schätze, von denen man bisher in Altrip überhaupt nichts wusste.

Das erklärte Ziel des Projekts ist die Auswertung des Archivs, beispielsweise für interne Zwecke, sei es für die Verwaltungsarbeit und die Rechtssicherheit, zur Erstellung von Publikationen oder zur politischen Orientierung der Bürger. Eine Benutzung durch Externe ist während der noch laufenden Verzeichnisarbeiten nicht möglich. Bis es einmal so weit sein wird, ist noch viel zu tun.

So benötigt das Altarchiv eine Heizung und Luftbefeuchter. Notwendig, betont die wissenschaftliche Fachkraft, sei vor allem die Sicherstellung einer Raumtemperatur von 17 bis 19 Grad und einer gleich bleibenden Luftbefeuchtung von 45 bis 55 Prozent.

Doch Nina Reinhard-Seelinger hat nicht nur Wünsche an die Verwaltung, sondern auch an die Bürger. Gesucht werden nämlich noch alte und historisch interessante Bücher für die im Aufbau befindliche Archivbibliothek. Auch Nachlässe, etwa Schriftwechsel von Altriper Persönlichkeiten, „eingegangenen” Vereinen und Gewerbebetrieben, möchte die 39-jährige Wissenschaftlerin sehr gerne in einer außergemeindlichen Sammlung zusammentragen.

Ob”s klappt, entscheiden die Bürger. Die seither angelegten Verzeichnisse, sei es über Akten, Druckschriften, Amtsbücher sowie Karten und Plakate, haben mit über 120 Seiten bereits Buchstärke erreicht.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 15. März 2001 | Wolfgang Schneider)