Da sank er hin

Der Retzer-Baum in Altrip ist gestern gefällt worden – Am Stumpf der Eiche soll eine Erinnerungsstätte entstehen

Ein strahlend blauer Himmel, ein wunderschöner Altweibersommermorgen und trotzdem kein guter Tag für die Altriper: Gestern früh ist die Retzer-Eiche gefallen. Ein Wahrzeichen der Gemeinde. Und ein Baum, an den so mancher amouröse Erinnerungen knüpft.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin: Mit der Motorsäge hat ein Mitarbeiter des Forstamts gestern gegen 8 Uhr den finalen Schnitt an dem alten Baum gesetzt. Eine Seilwinde sorgte dafür, dass die Retzer-Eicher in die richtige Richtung fiel. „Morsche Bäume sind da furchtbar schlecht einzuschätzen, habe ich von den Forstexperten gelernt“, sagt Ortsbürgermeister Jürgen Jacob. Deshalb sei mit Hilfsmitteln gearbeitet worden.

Jacob hat die Fällaktion begleitet. Sie wird ihm nicht gerade als einer seiner Lieblingstermine im Gedächtnis bleiben. „Ich habe morgens schon zu meiner Frau gesagt: Heute habe ich einen meiner schwersten Tage.“ Bevor die Motorsäge aufheulte, habe er noch schnell Erinnerungsfotos geschossen.

So weh der Schnitt tat – als der Baum am Boden lag, war allen Anwesenden klar: „Jeder weitere Tag wäre ein Risiko gewesen. Sie stehen zu lassen, wäre unverantwortlich gewesen.“ Jacob sagt, das Holz sei zerfressen und völlig morsch. Wie berichtet, hat der Schwefelporling, ein fieser Pilz, dem Baum in den vergangenen Jahren erheblich zugesetzt. Auch wenn man das der Eiche von außen gar nicht so angesehen hat.

Knapp 90 Zentimeter stehen noch von dem geschichtsträchtigen Baum. Für Liebespaare wird es folglich schwer, sich für einen ausgiebigen Kuss an den Stamm zu lehnen. Ja, die Retzer-Eiche war der Treffpunkt für Frischverliebte. Viele Altriper haben deshalb angenehme Erinnerungen an den Baum und Jacob hätte ihnen gerne ein Stück Liebesgeschichte konserviert, „Der Plan war, Stücke des Stammholzes auf dem Weihnachtsmarkt für einen kleinen Obolus zu verkaufen. Das Geld hätten wir in eine Sitzgruppe am Stamm der Eiche investiert. Aber leider ist das Holz einfach nur kaputt.“ Zu faserig, um damit gute Gedanken festhalten zu können. Die Sitzgruppe soll es trotzdem geben. Mit dem Heimat- und Geschichtsverein ist Jacob am Pläne schmieden. Allerdings klafft selbst in dem Stück Stamm, das noch steht, ein großes Loch. Gefressen von Insekten.

Die Sperrzone ist aufgehoben, Neugierige können sich den Retzer-Eichen-Platz anschauen, das Loch im Stamm bestaunen oder gar die Baumleiche. Das was Schwefelporling und Knabbertiere von dem Baum übrig ließen, soll dem Bürgermeister zufolge liegen bleiben – „dort wo es gewachsen ist“.

Erinnerungsfoto: Bei Rheinkilometer 412 ist der Retzer-Eichen-Platz. Wie lange der Baum dort stand, lässt sich nicht genau bestimmen. Aber: 1884 stand er bereits. Und 1953 wurde er als Naturdenkmal unter Schutz gestellt. FOTOS: LENZ

Der finale Schnitt mit der Motorsäge. | Der Baum fällt und eröffnet ... | ... den Blick auf das Loch im Stamm.

Apropos Leiche: Auch wenn man beim Abschiednehmen eines geliebten Baums nicht schlecht von ihm reden sollte, steigt zu diesem Anlass doch auch eine finstere Geschichte aus dunkler Vergangenheit auf. Die Eiche trägt den Namen eines Bösewichts. Nikolaus Retzer hat alten Gerichtsdokumenten zufolge am 1. August 1884 nahe der Eiche seine Ehefrau erschlagen und in den Rhein geworfen. Und um die Geschichte auch mit Goethe zu beschließen: Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 23. September 2016 / Von Britta Willeke)