Die Retzer-Eiche muss fallen

Der Schwefelporling hat ganze Arbeit geleistet und es gibt keine Hoffnung mehr: Die Retzer-Eiche in Altrip muss gefällt werden. Zu sehr hat der Pilz dem Holz in den vergangenen Jahren zugesetzt. Jetzt ist es morsch und damit lebensgefährlich. Für die Altriper heißt es nun Abschiednehmen von ihrem Freund, dem Baum. 

Frischverliebte müssen sich wohl bald einen anderen Ort suchen, um erste Zärtlichkeiten auszutauschen. Wobei sich die Frage stellt, warum viele Altriper – zumindest erzählen sie es – sich gerade an der Retzer-Eiche das erste Mal geküsst haben. So gut kann das Karma da gar nicht sein. Ihren Namen trägt die Eiche nämlich nach einem Bösewicht aus Waldsee: Nikolaus Retzer.

Aus Edenkoben stammte der Schneider, der am 1. August 1884 seine 25 Jahre alte Ehefrau Eva Katharina geborene Welsch nahe der Eiche erschlagen und in den Rhein geworfen haben soll. Alten Dokumenten ist zu entnehmen, dass die Leiche der jungen Frau am 4. August morgens in Worms angespült und dort abends auch gleich beerdigt wurde. Nikolaus Retzer wurde wegen Totschlags zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Wo er seine Strafe absaß ist unklar, aber überlebt haben muss er die Jahre im Gefängnis und später sogar noch mal geheiratet haben. Das jedenfalls verrät das Edenkobener Sterberegister, in dem eine Witwe erwähnt ist. 

Sterben wird jetzt auch die Eiche, zumindest das Bisschen, was an ihr überhaupt noch lebt. Und wieder ist es mit dem Schwefelporling ein Bösewicht, der einer Dame zum Verhängnis wird. Gut, der Vergleich hinkt insofern, als die Retzer-Eiche viel, viel älter werden durfte. Wie alt sie genau ist, lässt sich laut Bürgermeister Jürgen Jacob nicht bestimmen – aber: 1884 stand sie bereits. Und 1953, vor immerhin gut 60 Jahren, wurde sie als Naturdenkmal unter Schutz gestellt. Den gefräßigen Pilz hat das allerdings wenig beeindruckt. 

Der Schwefelporling zehrt Forstexperten zufolge vom Holz noch lebender Eichen, aber auch Robinien und anderer Baumarten. Man kann auch sagen er „frisst“ Holz. Dadurch entsteht im Baum eine Braunfäule, die ihn instabil werden lässt. Schon im Oktober 2010 sollten bei Rheinkilometer 412 die Motorsägen aufheulen und sich durch den Stamm mit 3,74 Meter Umfang fräsen. Die Untere Naturschutzbehörde im Kreishaus hatte das 17 Meter hohe Naturdenkmal zum Fällen freigegeben. Noch vor den Herbst- und Winterstürmen sollte die Gefahr am Rad- und Wanderweg gebannt sein. 

Bürgermeister Jürgen Jacob fürchtete allerdings einen Sturm der Entrüstung, da viele Altriper zu der Eiche eine emotionale Bindung haben. Für manche bedeutete sie in der Kindheit, dass die Hälfte des Sonntagsspaziergangs geschafft war. Dazu gehört Jacob selbst, wie er lachend erzählt. Für andere markiert sie – wie gesagt – den Beginn einer großen Liebesgeschichte. Und deshalb wurde 2010 auch versucht, den Baum zu retten. Unter Anleitung des Forstamts Pfälzer Rheinauen machten die Bauhofmitarbeiter im November einen klaren Schnitt. Im Klartext: Die Hälfte der Krone des imposanten Gewächses musste dran glauben. Eine Aktion mit ungewissem Ausgang. Denn erstens wurde dem Baum „die halbe Lunge“ amputiert, wie es damals Förster Ernst Christian Driedger ausdrückte. Und zweitens war der Schwefelporling danach ja immer noch da. Der Baum faulte weiter. 

Einen Sturm der Entrüstung muss Jacob auch jetzt, sechs Jahre später, fürchten. „Aber dieses Mal muss ich leider sagen: Die Retzer-Eiche ist absolut nicht mehr zu retten. Das bestätigen die Experten vom Forstamt. Den Baum stehen lassen, ist zu gefährlich. Wir haben die Verkehrssicherungspflicht. Und an dieser Stelle spazieren einfach zu viele Menschen vorbei.“ Der Bürgermeister hofft, dass alle Bürger dafür Verständnis haben. Als Entschädigung für den radikalen Schnitt überlegt er sich, wie die Erinnerung an den besonderen Baum bewahrt werden könnte. Denn eines ist Jacob klar: So kaputt der Baum ist, so unkaputtbar ist die Liebe der Altriper zu ihrer Retzer-Eiche. 

Eigentlich hatte sich die Retzer-Eiche erholt, nach dem Radikalschnitt vor sechs Jahren trieb sie wieder aus. FOTOS: FORSTAMT PFÄLZER RHEINAUENEigentlich hatte sich die Retzer-Eiche erholt, nach dem Radikalschnitt vor sechs Jahren trieb sie wieder aus. FOTOS: FORSTAMT PFÄLZER RHEINAUEN

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - 06.08.2016 / Von Britta Willeke)