Lob vom großen Thomas Mann

Der Roman „Infantrist Perhobstler“ des Altriper Autors Wilhelm Michael Schneider schildert die Gräuel des Ersten Weltkriegs

Erst war Wilhelm Michael Schneiders „Infantrist Perhobstler“ ein Bestseller, dann verboten oder vergessen. Nun ist der halbdokumentarische Roman über Erlebnisse eines Soldaten im Ersten Weltkrieg in einer kommentierten Neuausgabe des Bayerischen Armeemuseums wieder zugänglich. In Altrip, am Heimatort des Verfassers, wurde das Buch vorgestellt.

Gleich nachdem sein Roman 1929 erschienen war, wandte sich Wilhelm Michael Schneider an Thomas Mann. Er hoffte wohl auf eine verkaufsfördernde Rezension des berühmten Schriftstellers. Diese Erwartung ging zwar nicht in Erfüllung, aber Mann lobte in einem Brief die Wahrhaftigkeit der geschilderten Erlebnisse und schrieb begeistert: „Ich kann nicht sagen, was Ihre Erzählungen alles in mir aufgewühlt haben an menschlicher Ratlosigkeit.“

W. SchneiderWilhelm Michael Schneider wurde am 4. Dezember 1891 als Sohn eines Essigfabrikanten in Altrip geboren. Er starb am 7. April 1975, nachdem ihm die Gemeinde zu seinem 80. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde verliehen hatte. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg und danach zu einem leitenden Angestellten des Chemiekonzerns IG Farben aufgestiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er als wohlhabender Privatmann in Frankfurt.

Sein Roman „Infantrist Perhobstler“ ist im Zusammenhang mit der Schwemme an Weltkriegsliteratur Ende der 1920er Jahre zu sehen. Die Verlage suchten an Erich Maria Remarques Bestseller „Im Westen nichts Neues“ anzuknüpfen. Im Unterschied zu dessen literarisch sehr durchgebildetem Antikriegsroman sei Schneiders „Infantrist Perhobstler“ stark autobiografisch geprägt, betonte Dieter Storz vom Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt. Storz hat Schneiders Roman wiederentdeckt, die Angaben darin mit dem Aktennachlass der bayerischen Armee verglichen, das Buch mit einem Nachwort versehen und mit zahlreichen erläuternden Anmerkungen neu herausgegeben.

Das Sterben im Schützengraben ist Thema in Schneiders Buch. FOTO: VERLAGAls „eine literarisch überformte Autobiografie“ klassifiziert der Herausgeber den sehr realistischen Roman. Wie sein Verfasser wird der Scharfschütze im 23. bayerischen Infanterieregiment mehrfach verwundet. Höchstwahrscheinlich retteten die längeren Lazarettaufenthalte mit anschließendem Genesungsurlaub Schneider das Leben, denn im Sommer 1917 wurde seine Division an der Westfront zum größten Teil vernichtet. Wieder genesen wurde der Offizier dann dem 27. Infanterieregiment zugewiesen und erneut an die Front geschickt.

Wie sein Verfasser steigt auch der Ich-Erzähler des Romans zum Feldwebel und Leutnant auf. Herausgeber Storz hat jedoch auch Schilderungen von Gefechten entdeckt, an denen Schneider nicht teilgenommen haben kann. Die Verbundenheit mit Altrip und der Pfalz kommt in den engen kameradschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck, so zu dem namentlich erwähnten Adam Kirsch, der durch einen Herzschuss fällt.

Schneider sei zwar kein Pazifist wie Remarque gewesen, vermochte dem massenhaften Sterben aber ebenfalls keinen Sinn abgewinnen, sagt der Militärhistoriker. Das Buch erlebte mehrere Auflagen, insgesamt 60.000 Exemplare wurden verkauft. Wegen seiner zahlreichen Auszeichnungen und seiner nationalen Einstellung nahmen die Rechten dem Verfasser kritische Bemerkungen zu Militär und Krieg offenbar nicht übel. Die Nazis zensierten 1934 eine Neufassung. 1939 wurde das Buch wie später auch in der DDR verboten. In der Bundesrepublik war es bis zur jetzigen Neuausgabe vergessen. In seinem Nachwort nennt Storz den Roman „ein Denkmal der trauernden und nicht der heroisierenden Erinnerung“.

LESEZEICHEN
Wilhelm Michael Schneider: Infantrist Perhobstler. Mit bayerischen Divisionen im Weltkrieg. Neu herausgegeben mit Anmerkungen, Bilddokumenten und einem Nachwort von Dieter Storz. Verlag Militaria Wien 2014. 29.90 Euro.

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - 19.03.2016 / Von Hans-UIrich Fechler)