Ein Brunnen vor dem Tore

Eintauchen: Woher das Sandsteinrelikt vor dem Altriper Rathaus stammt? Wir wagen einen Sprung über den Rhein und einen Ritt durch die Geschichte

Altrip. Mit der Serie „Eintauchen“ haben wir im Sommer für Abkühlung sorgen und die Geschichte der Wasserquellen im Kreis vorstellen wollen. Alle Brunnen haben wir nicht geschafft. Es gibt einfach zu viel zu erzählen. So auch zum Relikt vor dem Altriper Rathaus, mit dem wir die Reihe vorerst beschließen wollen. Da es herbstlich wird, ist es sicher nicht so schlimm, dass dort kein Wasser sprudelt. Dafür, hoffen wir, prickelt die Geschichte. Im Sommer 2016 suchen wir wieder Stellen, wo Sie Arme oder Füße ins kühle Nass tauchen können. Versprochen.

Der Altriper Brunnen ist kein Altriper Brunnen. Klingt komisch? Ist aber so. Aufgelöst hat das Geheimnis Edgar Alt vom Heimat- und Geschichtsverein. Dass die Sandsteinarbeit heute das Rathaus ziert, ist allerdings wieder eine andere Story, nicht weniger spannend, schließlich ist sie mit einem Polizeieinsatz verbunden. Von dem erzählt am besten Bürgermeister Jürgen Jacob. Aber der Reihe nach. Beziehungsweise: Begeben wir uns doch als allererstes einmal ins Jahr 2006.

Es ist das Jahr, als die Teile des alten Ziehbrunnens, die im Bauhof eingelagert sind, von einem Steinmetz begutachtet werden. Ein Kostenvoranschlag für die Restaurierung soll erstellt werden. Edgar Alt ist dabei. Er will fotografieren und ein Protokoll schreiben. „Der Brunnen besteht aus sieben Teilen, die aus gelbem Sandstein gefertigt sind. Zwei schmale Teile der Brunneneinfassung verjüngen sich zu Trägern für das Brunnenjoch“, hält Alt fest. Das Brunnenjoch trägt die Jahreszahl 1759. Und dann entdeckt der Hobbyhistoriker etwas Interessantes: Rechts von der Jahreszahl befindet sich ein „S“, durch das ein senkrechter Strich geht. 

„Es sieht aus wie das Dorfzeichen von Seckenheim, habe ich gedacht. Und damit kamen mir doch starke Bedenken, ob dieser Brunnen tatsächlich zur Altriper Ortsgeschichte gehört.“ Edgar Alt beschließt, die Ermittlungen aufzunehmen.

Er überlegt: Altrip war in früheren Jahren recht arm, die Brunnen im Dorf wurden eigentlich nur aus Holz gebaut. Im Dorf waren zu damaliger Zeit außerdem weder Viehbestände vorhanden, noch gab es viel Ackerbau – ein Gemarkungsbrunnen zur Wasserversorgung war nicht erforderlich gewesen. Also stammt der Brunnen tatsächlich aus dem heutigen Mannheimer Stadtteil Seckenheim? Gewisse Schäden weisen dem Steinmetz zufolge zumindest darauf hin, dass die Steine einst unfachmännisch umgesetzt wurden.

In einem Buch über die Ortsgeschichte Seckenheims entdeckt Alt einen Brunnen, der vom Baustil her dem Altriper Brunnen gleicht. Ein erster Anhaltspunkt.

Ein zweiter: „Das Dorfzeichen spricht dafür, dass er an einer Stelle gestanden haben muss, die so weit von Seckenheim entfernt ist, dass eine Kennzeichnung Sinn ergibt“, sagt Alt. Gleichzeitig habe er wohl nah der Altriper Gemarkung gestanden – „sonst wäre er jetzt nicht hier.“

Einen Moment mal. Hier müssen wir kurz den Historiker unterbrechen. Wie passt denn das zusammen? Altrip auf der linken, Seckenheim auf der rechten Rheinseite und wenn man sich die Karte anschaut, liegt auch noch Neckarau dazwischen.

Alt kann die Zusammenhänge erklären, dazu müssen wir mit ihm aber noch ein ganzes Stück tiefer in die Geschichte eintauchen: Was heute Rheinau ist, zählt zu Seckenheim. Und das hintere Ried liegt rechtsrheinisch. „Nachweislich bis mindestens 1580. Erst Ende des 16. Jahrhunderts schnitt der Rhein nach und nach die alte Schlinge ab und grub sich ein neues Bett.“ Nach dem Durchbruch südlich von Altrip gelangten die Seckenheimer zunächst noch über eine Furt in das Gebiet. 1607 genehmigte die Kurpfälzische Hofkammer dann den Betrieb einer Fähre. Damit konnten auch größere Fuhrwerke zur Bewirtschaftung des Rieds über den Rhein gelangen. Mithilfe des Boots werden nicht nur die sieben Brunnenteile, sondern auch 52 Grenzsteine hinübergeschafft.

Damit wären die geografischen Verhältnisse geklärt, zurück also zur Brunnenfrage: Hat man im hinteren Ried Mitte des 18. Jahrhunderts überhaupt einen Brunnen gebraucht? „Diese Frage muss man bejahen“, sagt Alt. „Das Gebiet dient wegen seiner weiten Entfernung zum Dorf fast ausschließlich der Viehzucht.“ Die Tiere mögen mit Rheinwasser getränkt werden, aber für den Sennereibetrieb – das Herstellen von Butter und Käse – ist klares Wasser wichtig.

Okay – an dieser Stelle haben wir uns soweit durch die Geschichte gegraben, dass wir auch verstehen, wie und warum ein Brunnen mit Seckenheimer Dorfzeichen auf die linke Rheinseite kommen kann. Müssen wir noch den letzten Schritt vollziehen: Warum steht das Sandsteinkonstrukt heute in Altrip?

„Tja, dazu können wir leider nur Vermutungen anstellen“, meint der Hobbyforscher. „Dort, wo früher die Riedhöfe waren, wurden später – als das hintere Seckenheimer Ried bereits Altriper Gemarkung war – Ziegeleien errichtet, möglicherweise stand der Brunnen den Bauarbeitern im Weg.“

Geschafft, der Brunnen steht in Altrip – mithilfe von Alts Wissen haben wir ihn durch die Geschichte getragen. Abgesetzt ist er vorläufig in der Reginostraße 7.

Wie er vors Rathaus kommt, ist eine andere Episode. Der Erzähler wechselt. „Der Brunnen steht lange auf dem Areal des Sauerkrautfabrikanten Werner Hook“, berichtet Bürgermeister Jürgen Jacob. Als der Unternehmer stirbt, brauchen die Söhne Jahre, bis sie sich über die Aufteilung des Geländes, das aus zwei Flurstücken besteht, einig sind. „Manfred und Werner sind sich nicht grün.“

Dann passiert folgendes. Als Jacob an einem nassen, ekligen Herbsttag nach Hause fährt, krabbeln ganz in der Nähe der Reginostraße 7 zwei Polizisten aus dem Gebüsch. „Ich habe gedacht: Nanu, was ist denn da los, was machen die denn bei dem Schmuddelwetter hier draußen? Dann habe ich sie angesprochen.“ Die beiden Beamten geben an, einen Brunnen zu suchen, der verschwunden sei. „Da war ich natürlich erstaunt, ein Brunnen kommt ja nicht alle Tage abhanden“, erzählt Jacob.

Hinterher stellt sich heraus, dass Manfred Hook den Brunnen hat abtragen und einlagern lassen – in der Annahme, dass er auf seinem Grundstück steht. Werner Hook meldete ihn als vermisst und zeigte die Sache an.

Der Fall landet vor dem Amtsgericht. Und Jacob schaltet sich ein – quasi als Schlichter. Er will die Brüder überreden, den Brunnen als Dauerleihgabe der Gemeinde zu überlassen. „Ich dachte, ich probiere es mal, bevor das Relikt ganz aus dem Dorf verschwindet.“ Jacobs Plan geht auf: Die Brüder stimmen nicht nur zu – Werner Hook will zwar alles anwaltlich klären, aber er sagt Ja. Sondern die beiden Streithähne vertragen sich auch wieder. Leider sterben die beiden kurze Zeit später. „Ich hätte gerne gehabt, dass beide Namen auf der Messingtafel am Brunnen eingetragen werden, doch Werner Hooks Frau besteht darauf, dass nur ihr Mann als Spender erwähnt wird.“

Bevor jedoch der Brunnen vor dem Rathaus zur Kerwe 2008 eingeweiht wird, kommt der Steinmetz. Und die Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins, der die Kosten für die Restauration übernimmt. Und Edgar Alt, der das „S“ entdeckt, durch das ein senkrechter Strich geht. Das Dorfzeichen von Seckenheim. Aber halt, diesen Teil der Geschichte kennen wir ja bereits.

Der Sandsteinbrunnen vor dem Altriper Rathaus hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das „S“ im Brunnenjoch weist Edgar Alt zufolge nach Seckenheim. Das Dorfzeichen verrät, dass der Brunnen früher auf der Gemarkung des heutigen Mannheimer Stadtteils stand – im hinteren Ried, das erst durch den Rheindurchbruch linksrheinisch wurde. Die Karte zeigt die alte Flussschlinge. Das Bild daneben den Brunnen in Reginostraßen-Zeiten.Fotos: Lenz (2)/privat

Der Sandsteinbrunnen vor dem Altriper Rathaus hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das „S“ im Brunnenjoch weist Edgar Alt zufolge nach Seckenheim. Das Dorfzeichen verrät, dass der Brunnen früher auf der Gemarkung des heutigen Mannheimer Stadtteils stand – im hinteren Ried, das erst durch den Rheindurchbruch linksrheinisch wurde. Die Karte zeigt die alte Flussschlinge. Das Bild daneben den Brunnen in Reginostraßen-Zeiten. | Fotos: Lenz (2)/privat

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 15.09.2015 / Von Britta Willeke)