Zum Narren halten

Irrtum vor 50 Jahren: Altrips Karnevalisten setzen ein falsches Motiv in ihren Orden

Karnevalsvereine frönen in aller Regel nicht nur Gott Jokus, sondern verstehen sich auch als Brauchtumspfleger. Kennen sich also in der jeweiligen Ortsgeschichte ziemlich gut aus. Doch manchmal irren sie auch. Vor 50 Jahren haben sich die Altriper Wasserhinkle bei der Gestaltung ihres Ordens vertan.

KG Wasserhinkle AltripAltrip lag nie an einer „Klickermühl“. Und das ist das Problem. Die in ihrer Ordensgestaltung meist sehr kreativen Köpfe des Altriper Fasnachtsvereins wollten sich damals als echte Brauchtumspfleger beweisen – und verhauten sich: Die Wasserhinkle nahmen sich bei ihrem kreativen Schaffensprozess ein Ereignis vor, das zehn Jahre zurück lag. 1954 wurde die Gastwirtschaft „Zur Gliggermühle“ in einem kulturhistorisch wertvollen Fachwerkhaus eröffnet. Das hatte noch kurz vor der Eröffnung großen Schaden während des Jahrhundertsturms am 6. August davongetragen.

Gleich dreifach „verunglückt“ war allerdings auch der Orden. Denn ein Altrip, wie behauptet, „an de Klickermühl“, gab es nie. Um das Jahr 1732, als das Fachwerkhaus erbaut wurde, gab es zwar in Mannheim drei Schiffsmühlen, aber keine bei Altrip. Außerdem heißen in Altrip die Steine nicht Klicker, sondern Gligger. Und eine Schiffsmühle ist keine Windmühle, eine solche war aber auf dem Orden abgebildet. Wohl einzig stimmig war die Seitenbeschriftung des Ordens: „Narren gibt es wirklich viel in Altrip“. Was aber wohl zweideutig gesehen werden kann...

Die Bezeichnung „Gliggermühle“ für das Gasthaus war eine reine Fantasiebezeichnung – und hat die Karnevalisten leider auf eine falsche Spur geführt. Zu dem Namen kam das Fachwerkhaus, als der Wirt der neuen Gaststätte auf Namenssuche war. Im Friseursalon von Albert Wein wurde ihm von dessen Tochter Marianne Scheuermann die Bezeichnung wegen ihrer Einzigartigkeit vorgeschlagen.

Die Geschichte mit der Gliggermühle ist allerdings nicht der einzige Irrtum der Altriper Fasnachter. Gegründet worden war ihr Verein 1937. Geboren war die Idee im Weinhaus Schneider. Altbürgermeister Adam Jacob, als einer der dortigen Frühschöppler, schlug mit Blick auf die römische Vergangenheit der Gemeinde den Vereinsnamen „Castell“ vor.

So blieb es bis nach dem Krieg. Bei der Wiedergründung des Vereins 1950 wurde dann aber das „C“ abgelegt, und fortan firmierten die Karnevalisten unter Kastell und nannten sich gerne auch Kastellaner. Doch nachdem der Verein etwas flügellahm wurde, suchten die eingefleischten Narren vor 60 Jahren nach einem Neuanfang mit neuem Namen.

Ehrenvorstand Adam Jacob plädierte für die Bezeichnung „Die Wasserhink’l“, mit dem Hinweis, dass viele Karnevalsvereine sich den Uz-Namen ihrer Heimatgemeinde geben. Der Irrtum: „Wasserhinkel“ war in früheren Zeiten eigentlich der Spottnamen für die Neuhofener. Noch 1954, also im Jahr der Altriper „Umfirmierung“, vergaben die Neuhofener Karnevalisten als Orden einen „Wasserhinkel“. Doch im Gedankengut der Dorfbewohner war das untergegangen.

Die Gaststätte „Zur Gliggermühle“ hat die Altriper Narren auf die falsche Fährte geführt – eine Schiffsmühle mit die- sem Namen hat es in Altrip nicht gegeben. Auch das Wasserhinkel ist kein typischer Altriper. FOTOS: PRIVATAls der heute 85-jährige Werner Oster das Vereinszepter übernahm, plädierte er dafür, künftig wenigstens eine mundartlich korrekte Vereinsbezeichnung zu verwenden, und so wurden aus den Wasserhink’l die Wasserhinkle.

Immerhin: Das Wasserhinkel, alias Blesshuhn, ist die einzig jagbare Rallenart, die auch schon in Altrip auf einer Speisekarte stand. Und so ist es vielleicht doch zu verzeihen, dass das Huhn trotz aller heimatkundlicher Irrtümer, das Wappentier im Vereinsschild der Altriper Karnevalisten geblieben ist. Die Gaststätte „Zur Gliggermühle“ hat die Altriper Narren auf die falsche Fährte geführt – eine Schiffsmühle mit diesem Namen hat es in Altrip nicht gegeben. Auch das Wasserhinkel ist kein typischer Altriper.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 15.10.2014 / Wolfgang Schneider)