Pächterwechsel, Flops und rote Zahlen

Vor 60 Jahren hat die Gemeinde Altrip selbst den Fährbetrieb auf dem Rhein übernommen und ist damit ins wirtschaftliche Chaos geschlittert

Die Fähre in Altrip hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich: Mal war sie verpachtet. Mal stand sie unter Gemeinderegie. Mal warf sie gute Gewinne ab. Mal schrieb sie nur rote Zahlen. Der letzte große Flop liegt jetzt 60 Jahre zurück. Im April 1954 übernahm wieder einmal die Gemeinde Altrip das Fähr-Ruder, nachdem ihr das letzte Angebot eines Pächters zu niedrig war. Eine Fahrt ins wirtschaftliche Chaos begann.

Die KPD-Fraktion im Altriper Gemeinderat jubelte über die Entscheidung, die im April vor 60 Jahren fiel. Die Kommunisten hatten bereits 1949 für eine „Gemeindefähre“ plädiert. Doch dann mussten sie zuschauen, wie fortan nur Defizite eingefahren wurden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Fähre schon einiges Hin und Her erlebt. Dabei kann man sich Altrip ohne Fähre gar nicht vorstellen. Jahrhundertelang hat der Betrieb auch funktioniert. Erst verpachtete der jeweilige Landesherr und seit 1770 die Gemeinde das Fährschiff – mit Gewinn. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs fiel die erste Fehlentscheidung: Metzgermeister Adam Hook, als Interimsbürgermeister im Einsatz, übernahm den Fährbetrieb im August 1914 in Eigenregie. Und fuhr ein Defizit ein. Der bald danach gewählte Bürgermeister Ignatz Baumann korrigierte diesen Fehler wieder. Am 1. Februar 1915 pachtete Jakob Hornig die Gierfähre. Eine Entscheidung, die beiden Seiten zum Vorteil gereichte.

Bedingt durch die Hyperinflation 1923 übernahm die Gemeinde Altrip wiederum den Fährbetrieb, auch deshalb, weil es schwieriger geworden war, einen Pächter zu finden. Und wieder klaffte ein Loch in der Gemeindekasse. Nach ein paar Monaten korrigierte die Gemeinde ihre Entscheidung erneut und entschied sich, die Fähre wieder zu verpachten. Ein Pächter fand sich zum 1. Oktober 1923. Das Billett für einen Fußgänger kostete damals 840.000 Mark, an Weihnachten dann 35 Milliarden. Doch durch den regen Rheinstrandbadbetrieb unterhalb der Anlegestelle mit einer damals bis zu einhundert Meter breiten Sandbank kamen Tausende von Besuchern über die Fähre und die Fährpächter auf ihre Kosten.

Karl Baumann, Bürgermeister seit 1930, vermied es, den Fehler der Vorgänger zu machen. Selbst während des Zweiten Weltkriegs wurde die Fähre durchgehend, und zwar Jahr für Jahr aufs Neue, für jeweils 8400 Reichsmark an den Schiffer Valentin Hauk verpachtet. Überfahrtszeit war damals von 4.30 bis 24 Uhr. Militär musste kostenlos befördert werden. Doch die Treue in schwieriger Zeit wurde dem Fährmann nicht honoriert. Die kurz vor Kriegsende von der Wehrmacht versenkte und 1948 gehobene und restaurierte Gierfähre ging 1949 an einen neuen Pächter, der nur 100 Deutsche Mark mehr Jahrespacht geboten hatte.

Die jährliche öffentliche Versteigerung war für die Altriper eine Gaudi. Neugierige spannten auf neue Rekordpachtpreise. 1952 erhielt Willi Hasselmann für 23.500 Mark Jahrespacht den Zuschlag. Erstmals für zwei Jahre. Ende 1953 wollte er aussteigen, was ihm die Gemeinde jedoch nicht gestattete. Und so kam es, dass sich im April 1954 kein weiterer Pächter mehr fand, weil die Gemeinde ein Angebot von 20.000 Mark als zu niedrig ausschlug. Die Gemeinde übernahm. Das Desaster begann. Schon nach drei Wochen kam eine Hiobsbotschaft vom Wasser- und Schifffahrtsamt Speyer (WSA), das feststellte, dass die Fähre nicht mehr verkehrssicher war. Sie müsse umgestaltet oder der Betrieb eingestellt werden.

Ein weiterer Schock kam gleich hinterher: Ausgerechnet unter einer SPD- und KPD-Führung im Gemeinderat warf das WSA Altrip einen Verstoß gegen die Arbeitszeitverordnung vor. Forderung: Ein fünfter Fährmann muss eingestellt werden. Und es kam noch schlimmer. Das Schifffahrtsamt entschied: Altrip braucht eine moderne frei fahrende Motorfähre – allerdings dürfe das marode Boot fahren, bis das neue Schiff in Betrieb gehe.

Liegt heute in ruhigeren Fahrwassern: Die Altriper Fähre hat jedoch unruhige Zeiten hinter sich. ARCHIVFOTO: LENZEs dauerte bis Januar 1958, bis in Altrip die damals modernste Autoschnellfähre auf dem Rhein die Arbeit aufnahm. Ein paar Jahre lang fuhr das stolze Fährschiff tatsächlich einen kleinen Gewinn für die „Rheinfähre Altrip GmbH“ ein. Dann begannen die Reparaturen, und die Kosten für Treibmittel sowie für Löhne stiegen. Zum 25. Jubiläum der Motorfähre 1983 gab es einen Negativrekord: eine Million Mark Miese.

Auch mit der 1992 in Betrieb genommenen größeren Fähre änderte sich an der finanziellen Lage nichts. Erst unter Bürgermeister und Geschäftsführer Jürgen Jacob gelang es mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen, den Fährbetrieb so zu optimieren, dass Gewinne eingefahren werden konnten.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 03.04.2014 / Wolfgang Schneider)