Altriper Erleuchtung

Morgen Jubiläum: Vor 100 Jahren wurde die Gemeinde ans Stromnetz angeschlossen – Gegner warnten: Die Menschen würden nicht mehr genug schlafen

Vor 100 Jahren gingen in Altrip die Lichter an: Am 15. November 1913 wurde die Gemeinde ans Stromnetz angeschlossen. Unumstritten war das Vorhaben nicht gewesen. Ein streitbarer Altriper sorgte sich um das Wohl seiner Mitbürger: Hätten sie erst einmal elektrisches Licht, würden sie die Nacht zum Tag machen.

Dem Altriper Ziegelei- und Großgrundbesitzer Michael Baumann gelang vor den Gemeinderatswahlen des Jahres 1909 ein Kunststück: Seine Nationalliberalen schlossen sich mit den Sozialdemokraten zur „Vereinigten Bürgerpartei" zusammen und errangen gegen eine andere Gruppierung sämtliche 18 Gemeinderatssitze. Baumann wurde einstimmig zum ehrenamtlichen Bürgermeister gewählt und konnte nun an die Verwirklichung seiner kommunalpolitischen Ideen gehen. Und so kam es am 15. November 1913 zur Einführung des elektrischen Lichts in Altrip.

Baumann war dabei, als 1898 das Rheinauer Wasserwerk und 1899 das dortige Elektrizitätswerk in Betrieb genommen wurden. Solche Errungenschaften schwebten ihm auch für Altrip vor. Noch vor dem Bau eines Wasserwerks und einer zentralen Wasserversorgung favorisierte er die Einführung des elektrischen Lichts, was natürlich auch seiner Backsteinfabrik zum Vorteil gereichen sollte.

Baumann liebäugelte aber auch mit einer Versorgung durch Stadtgas, zumal Rheingönheim damit gute Erfahrungen gemacht hatte. Das Bürgermeisteramt in Ludwigshafen unterbreitete im März 1913 einen entsprechenden Vorschlag. Darin wurde Baumann allerdings die Illusion von vergleichbaren Leistungen wie für Rheingönheim genommen.

Für Altrip wäre nämlich nicht nur eine viel längere Zuleitung notwendig gewesen. Im Ort hätte ein Gasometer mit einem Fassungsvermögen von 1000 Kubikmetern Gas gebaut werden müssen. Rentabel wäre das Projekt zudem für die Stadt nur bei einer garantierten Abnahmemenge von 60.000 Kubikmetern Gas pro Jahr. Trotz eines günstigen Preises von nur 18 Pfennig pro Kubikmeter sagte Baumann schweren Herzens ab – es sollte noch 70 Jahre dauern, ehe Altrip als eine der letzten Landkreisgemeinden 1983 an das Gasnetz angebunden wurde.

Die Gemeinde schloss daraufhin 1913 mit der „Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft, Installationsbureau Mannheim (AEG)" einen Vertrag über die Einführung der Elektrizität ab. Auch die Lieferung und Erstellung der Hausanschlüsse wurde sogleich an die AEG vergeben. Um das Projekt finanziell zu stemmen, suchte Baumann über Zeitungsinserate nach Geldgebern. Zugleich suchte er für eine Schulhauserweiterung und für den Straßenbau auf diesem Weg nach Darlehensgebern. Alles in allem brauchte er 133.000 Mark. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Kartoffel kostete im Ort zu jener Zeit fünf Pfennig.

Neben vielen Befürwortern des Elektrifizierungsprojektes gab es aber auch Gegner. Konrad Schweikert, der in Altrip einen Bürgerverein gegründet hatte, war strikt gegen das Vorhaben. Der äußerst streitbare Mann war mit 39 Gefolgsleuten schon gegen eine Wassergebühr der Gemeinde bis vor den Verwaltungsgerichtshof in München gezogen. 1912 bekam er dort zwar im „Namen seiner Majestät des Königs von Bayern" eine Abfuhr und wurde obendrein zu den Verfahrenskosten verdonnert, doch dessen ungeachtet trat er mit unverdrossener Beharrlichkeit für seine Meinungen ein.

Zu hässlich, fanden die Gegner der Elektrifizierung: Leitungen würden das Ortsbild verschandeln. FOTO: DPAZu hässlich, fanden die Gegner der Elektrifizierung: Leitungen würden das Ortsbild verschandeln. FOTO: DPADurch die Einführung der Elektrizität würden, so seine Auffassung, in Altrip die Anzünder der Petroleum-Straßenlampen sowie die Nachtwächter arbeitslos. Auch die Petroleumverkäufer hätten Einbußen. Besonders würde aber die Gesundheit der Bewohner leiden. So kämen Kinder nicht mehr rechtzeitig ins Bett, und Jugendliche und Erwachsene würden die Nacht zum Tage machen, was sicher schädlich sei. Außerdem würde das Ortsbild durch Leitungsmasten, Dachständer und Drähte verschandelt. Bürgermeister Baumann wollte hingegen den Petroleumgeruch aus den Häusern verbannen, einen Beitrag zum Brandschutz leisten und die elektrische Energie zum Antrieb von Maschinen nutzen.

Den Stromlieferungsvertrag schloss die Gemeinde mit den neuen Pfalzwerken ab. Am 15. November 1913, einem Samstag, war es dann endlich so weit: Erstmals brannte in Altrip das elektrische Licht. Nach einem vierzehntägigen Probelauf galt das Stromnetz endgültig als abgenommen. Und die unübersehbaren Strommasten kündeten jedem Neuankömmling den technischen Fortschritt, dessen sich Altrip nun rühmte, an. 1928 ließ sich gar ein von den Pfalzwerken konzessionierter Elektromonteur für Reparaturen am Ortsnetz nieder. Und bis 1994 „zierten" in Altrip Dachständer die Häuser. Mittlerweile ist der ganze Ort verkabelt.

Zurück ins Jahr 1913: Der bereits von einer heimtückischen Krankheit schwer gezeichnete Michael Baumann freute sich, dass er den Zivilisationsschub seiner Gemeinde noch erleben durfte. Als er schon bald danach am 17. Februar 1914 im Alter von 56 Jahren starb, legten die Altriper Trauerflor um die Straßenlaternen, und bei der Trauerfeier war fast das ganze Dorf mit dabei. Nach seinem Tod gab es übrigens zwischen den Sozialdemokraten und der Unternehmer- und Politikerfamilie Baumann nur noch Zwistigkeiten.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 14.11.2013 / Wolfgang Schneider)

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