Mit Wasserwehr, aber ohne Versicherung

Wie Altrip sich jahrhundertelang gegen die Rhein-Fluten wehrte und welcher Schutz den Anwohnern bis heute versagt bleibt

Immer wieder haben Hochwasserwellen Altrip verwüstet. Seine Einwohner kämpften dagegen: mit Dämmen, Strauchbündeln, mit einer Wasserwehr. Sogar eine Umsiedlung des ganzen Dorfes stand schon zur Debatte. Viele Altriper hätten sich auch eine obligatorische Versicherung gegen Hochwasserschäden gewünscht. Doch die gibt es bis heute nicht.

Altrip lag bis zur Gebietsreform 1969 als einzige Gemeinde des damaligen Landkreises Ludwigshafen am Rhein. Hart am Strom. Und es war die einzige Gemeinde, die eine eigene Wasserwehr hatte. In Zeiten, in denen der Ort nur 2000 Einwohner zählte, verfügte sie über 200 Männer. Nahezu alle Einwohner wussten um die Gefahren, konnten im Katastrophenfall entsprechend zupacken. Es fehlte daher nicht an Material wie Stickeln und Faschinen – walzenförmige, drei bis vier Meter lange Strauchbündel, die das Wasser abhalten sollten. Draht und Weidenruten hielten sie zusammen, eingelegte Steine machten sie schwer.

Doch damit war ein wirksamer Hochwasserschutz nicht zu erreichen. Immer wieder wurde Altrip komplett überschwemmt. Versuche, den Schutz zu verbessern, gab es zu allen Zeiten. So wurden 1748 die Deiche bei Altrip, Mundenheim und Frankenthal erhöht. Die Kosten teilten sich die Gemeinden, die Begüterten der Umgebung sowie die Allgemeinheit zu je einem Drittel. Zwei Drittel der Mittel stammten also von hochwasserfernen Zahlern.

Doch die vielen Überschwemmungen mit nachfolgenden Missernten und entsprechender Teuerung ließen Altrip trotzdem völlig verarmen. 1760 organisierte die Gemeinde auf eigene Faust einen verbesserten Hochwasserschutz – mit Flechtwerk aus Holz und Ästen, angefüllt mit Steinen oder Erde, sowie mit Stauwerken aus kreuzweise verbundenen Balken. Doch vergebens. Nach Überschwemmungen 1770 und 1771 kam 1778 wieder eine verheerende Totalüberschwemmung.

Der Damm war an zwei Stellen gebrochen. Häuserwände stürzten ein, und in den Scheunen verendete das Vieh. Aber auch gerettete Tiere kamen jämmerlich um, denn die Flut hatte das Futter weggeschwemmt oder verdorben. Und schlimmer noch: Der reißende Strom hatte die Fische aus Teichen und Tümpeln hinweggerissen, den Altripern somit ihre Nahrungsquelle genommen.

Nun beantragten Rat und Schultheiß die Verlegung des Dorfes. Eine Ansiedlung wäre auf dem rechtsrheinischen Sandbuckel möglich gewesen, zumal das Dorf nur 250 Seelen zählte. Doch das Oberamt Neustadt wollte es nicht aus seiner Zuständigkeit entlassen. Und so erlitten die Altriper im Jahr 1784 eine der schlimmsten Hochwasserkatastrophen überhaupt: Monatelang war das ganze Dorf unbewohnbar, es lag unter einem Eispanzer.

1824 überstieg die Flut alle bisherigen Rekordmarken. Und 1882/83 kam es gar zu Todesfällen durch Typhus, weil Jauchegruben überschwemmt worden waren. Nach dem Hochwasser von 1910, das etliche Ortsstraßen wieder unter Wasser setzte, hofften die Bewohner wenigstens auf ein Abfedern der größten materiellen Not. Denn bisher gab es nur auf Antrag durch den König die Zulassung einer Spendensammlung zugunsten der Betroffenen.

Dabei hatte ein Nürnberger Professor schon 1865 eine „Denkschrift betreffend die Errichtung einer Allgemeinen deutschen Hochwasser-Assecuranz-Bank" verfasst und sich darin darüber mokiert, dass das Versicherungsgewerbe mittlerweile für viele Wechselfälle des Lebens – Feuer, Hagel, Viehseuchen, ja sogar beim Bruch von Spiegelgläsern und Brillen – einen Schutz anbiete, nicht aber für das, was die Menschen ihrer ganzen Lebensgrundlage berauben könne, nämlich Hochwasser.

Es wurden detaillierte Vorschläge unterbreitet, doch die blieben unbeachtet. Am 1. Juni 1911 forderte die in Ludwigshafen erscheinende „Pfälzische Rundschau" eine Hochwasserversicherung, entweder als staatliche Zwangsversicherung oder über die Versicherungswirtschaft, wobei der Staat dann Druck zum Abschluss solcher Verträge machen sollte. Der Rundschau-Redakteur schrieb, was auch heute noch aktuell ist: „Es entspricht nicht mehr dem sozialen Empfinden unserer Zeit, wenn nach jeder Hochwasserkatastrophe die private Wohltätigkeit einspringen muss, um die ärgste Not von den Betroffenen abzuwenden."

Nah am Wasser gebaut: Immer wieder hat Altrip mit Fluten zu kämpfen. Unser Bild entstand im Jahr 1999. ARCHIVFOTO: LENZNah am Wasser gebaut: Immer wieder hat Altrip mit Fluten zu kämpfen. Unser Bild entstand im Jahr 1999. ARCHIVFOTO: LENZ1912 zeigte eine Expertenkommission aus Deutschland, der Schweiz und Österreich Bestrebungen zwecks Einführung einer Hochwasserversicherung. Wiederum zerschlugen sich aber die Hoffnungen, nur die Schweiz führte eine obligatorische Versicherung ein und blieb bis zum heutigen Tage dabei. 1960 führte schließlich auch Baden-Württemberg so eine Versicherung ein. Durch die Aufhebung der Versicherungsmonopole 1994 durch die EU wurde diese Regelung jedoch wieder „kassiert". Doch 80 Prozent der Versicherten führten den Schutz freiwillig weiter.

Auch für Altriper bleibt bis heute allenfalls eine freiwillige Variante. Doch wer hart am Rhein wohnt, der findet auch nur schwer eine bezahlbare Hochwasserschutzversicherung.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 23.10.2013 / Wolfgang Schneider)