Abgeschiedenheit schützt vor Kriegsgräueln

Vor 300 Jahren bleibt Altrip im Spanischen Erbfolgekrieg verschont, weil französische Soldaten das Dorf schlicht nicht finden

Vor 300 Jahren tobte der Spanische Erbfolgekrieg, der sich 13 Jahre lang hinzog, insbesondere in der Kurpfalz. Altrip aber blieb von den Kriegsgräueln verschont – dank seiner abgeschiedenen Lage und seines cleveren Schultheißen.

Von drei Seiten vom Rhein umflossen, mitten in dichten Auwäldern, sumpfigen Wiesen und Äckern, vielen Tümpeln und Lachen gelegen, fanden die Franzosen keinen Zugang zu dem kleinen Fischerdorf. Der Altriper Schultheiß Bestel (Sebastian) Metzger hatte alle Brücken und Stege über ein Gewirr von Verbindungs-, Abzugs- und Stichgräben abbrechen lassen. Altrip war nun von einer Halbinsel zur Insel geworden.

Die Holzbrücken über den damaligen Horrengraben, der den Neuhofener Altrhein mit Frischwasser versorgte, sowie die über den Stiefelgraben, der den Altrhein entwässerte, waren schon seit Jahren abgebrochen. Feld- und Waldgräben sowie Wasserfurchen schreckten zusätzlich jeden Ankömmling ab. Hinzu kam, dass die wenigen und verwilderten Wege innerhalb der Gemarkung nicht nach außerhalb führten, sondern als Stichwege endeten. Durch den neun Jahre dauernden Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) sowie den schon zwölf Jahre andauernden spanischen Erbfolgekrieg war der pfälzische Verbindungsweg nach Rheingönheim als solcher kaum noch zu erkennen.

Eine historische Landkarte zeigt die „Insellage“, die Altrip durch die beiden Wassergräben eingenommen hatte. FOTO: PRIVATEine historische Landkarte zeigt die „Insellage“, die Altrip durch die beiden Wassergräben eingenommen hatte. FOTO: PRIVATÜberhaupt hatten die Altriper damals kaum noch Kontakt zu den linksrheinischen Dörfern. Die rund 50 Familien des Dorfes wohnten alle in einer einzigen Gasse, lediglich in einem Straßenknick unterteilt in „Owwa"- und „Unngass'". Die Bewohner nährten sich überwiegend vom Fischfang und trieben Handel mit den rechtsrheinischen Orten. Dazu diente ihnen ein sogenanntes Nachenfahr. Überhaupt gab es im Dorf viele Nachen (Kähne), gar wohl mehr als Einwohner.

Im vorangegangenen Krieg hatte der berühmt-berüchtigte französische Feldherr Mélac im Auftrag des „Sonnenkönigs" Ludwig XIV. die Pfalz mit einer bis dahin nicht gekannten Brutalität verheert. Die Altriper waren jedenfalls gewarnt und auf der Hut. Als der Krieg sich 1713 auf die Kurpfalz konzentrierte, war die Altriper Gemarkung stark versumpft, die vielen Gräben waren kriegsbedingt schon lange Zeit nicht mehr gewartet. Den französischen Spähern, die den Ort partout nicht fanden, zeigte dies wohl auch, dass in Altrip ohnehin nicht viel zu holen wäre. Wozu also noch eine weitere Suche?

Die Altriper waren zu jener Zeit mit Spaten, Beilen, Brechstangen und dreizackigen Misthaken übrigens gut ausgerüstet und mit deren Umgang vertraut, denn in den wenigen Friedensjahren pflegten sie jeweils im Früh- und Spätjahr die Entwässerungsgräben und suchten sie auch nach jedem größeren Gewitterregen nach Schäden ab. Zur Verteidigung ihrer Lieben gegen die Franzosen hätten sie also ihre „Grabenputz-Utensilien" einsetzen können. Gottlob blieb ihnen aber die Probe aufs Exempel erspart. Doch noch ehe das 18. Jahrhundert zu Ende ging, wurde Altrip nicht nur von den Franzosen besetzt, sondern gar Bestandteil der „Untheilbaren Frankenrepublik". Die Altriper waren nun Bürger Frankreichs.

Die Gräben, die das Dorf einst abschotteten, sind mittlerweile verschwunden. Doch vielen Altbürgern sind sie noch bekannt.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 16.08.2013 / Wolfgang Schneider)