Ein Stück vom „ältesten Pfälzer“

Seit fast 100 Jahren rätseln Wissenschaftler über das Alter eines Menschenknochens / Fundstelle in Waldseer Kiesgrube

Friedrich Spraters Augen waren sehr geschult. Dinge, die Jahrhunderte unter der Erde gelegen hatten, konnte der Konservator am Historischen Museum der Pfalz in Speyer mit wenigen Blicken einordnen. Im Sommer 1914 schweiften Spraters Augen wieder einmal über einen Haufen Knochen, die Arbeiter in einer Kiesgrube zwischen Altrip und Waldsee ausgebuddelt hatten. Bauunternehmer lieferten derartige Fundstücke damals oft kistenweise im Museum ab. Doch bei dieser "Lieferung" war etwas besonderes dabei: Ein menschlicher Oberschenkelknochen, der Sprater alt erschien. Eiszeitlich alt. Was er da aber wirklich in Händen hielt, wusste der Wissenschaftler nicht. Und das geht seinen Nachfolgern bis heute so. Das "Femurfragment von Ludwigshafen" gibt noch immer Rätsel auf.

Der Altriper Wolfgang Schneider, lange Jahre Personalratsvorsitzender beim Arbeitsamt Mannheim, will nun endlich alle Fragen geklärt wissen. Anfang der 1990er Jahre hatte er zufällig von dem Knochen gelesen - damals galt er aber als verschollen. Also machte sich der passionierte Heimathistoriker auf die Suche. Er fand das Stück schließlich 1994 im Pfalzmuseum für Naturkunde in Bad Dürkheim. Der heute 70-Jährige erinnert sich im Gespräch mit dieser Zeitung: "Der Knochen lag da vergessen in einer Kiste zwischen Mammutzähnen und Resten vom wollhaarigen Nashorn" - trauriger Absturz eines Fundstückes, das kurz nach seiner Entdeckung noch für Aufsehen gesorgt hatte.

Schneider hat die Reise des Knochens nämlich genau recherchiert. Demnach schickte Friedrich Sprater den Oberschenkel 1914 an das Anthropologische Institut der Universität Breslau, wo ein Professor namens Hermann Klaatsch lehrte. Dieser hatte 1907 als einer der ersten den Unterkiefer des "Homo heidelbergensis" begutachtet - jenem bei Mauer (heute Rhein-Neckar-Kreis) entdeckten, rund 600 000 Jahre alten Fund. Sprater hielt es offenbar für möglich, dass sich der Knochen aus der Pfälzer Kiesgrube als ähnliche Sensation entpuppen könnte.

Knochen eines Neandertalers?

Klaatsch übertrug die Untersuchung dann an seinen Assistenten Walter Lustig - ein Mann, der noch zu einer schillernden Gestalt des 20. Jahrhunderts werden sollte (siehe unten). Der damals 23-Jährige war schnell überzeugt, dass der Knochen zu einem Menschen des Neandertal-Typus gehören muss - was ein Alter von mindestens rund 30 000 Jahren impliziert. Nie zuvor hatte man Überreste von Menschen dieses Typs im Oberrheingraben gefunden. Noch 1914 veröffentlichte Lustig seine Thesen über das "Femurfragment von Ludwigshafen". Wahrscheinlich wählte er den Namen der nahen Großstadt, weil diese im Deutschen Reich einfach bekannt war. "Anthropologen kennen sich ja nicht zwingend mit Geografie aus", erklärt Wolfgang Schneider schmunzelnd.

Lustigs Behauptungen riefen in der Wissenschaftswelt zwar auch Widerspruch hervor - unter dem Strich blieben seine Thesen aber stichhaltig und wurden akzeptiert. Nur: Das Alter des Knochens blieb ungeklärt. In Altrip kursierten dennoch über Jahrzehnte hinweg wilde Angaben. Ein Volksschulrektor behauptete gar zu wissen, dass der Knochen eine Million Jahre alt sei und formulierte stolz: "Also es stimmt schon, dass der älteste Pfälzer ein Altriper ist."

Wolfgang Schneider kann das heute nur teilweise bestätigen: "Es ist der älteste menschliche Fund in der Pfalz", betont er und dann lächelt der seinem Heimatort sehr verbundene Mann etwas gequält: "Aber es ist kein Altriper, sondern ein Waldseer." Der Oberschenkel sei zwar 1914 von Arbeitern einer Altriper Ziegelei entdeckt worden. Die Fundstelle jedoch liege auf Waldseer Gemarkung. Heute erstreckt sich über dem damaligen Grabungsort der Marx'sche Weiher - benannt nach den Brüdern, deren Firma dort einst Kies aushob.

Bleibt noch die Frage nach dem genauen Alter des Knochens. Dieser befindet sich heute im Urweltmuseum Geoskop auf Burg Lichtenberg bei Kusel. Der Leiter Dr. Sebastian Voigt führt aktuell Gespräche mit der Universität Heidelberg, wo demnächst eine C14-Analyse durchgeführt werden soll. Dann wäre das Rätsel um den "ältesten Pfälzer" gelöst - oder die Spekulationen werden fortgesetzt. "Die C14-Methode funktioniert bis zu einem Alter von 50 000 Jahren", sagt Schneider und schmunzelt: "Wenn der Knochen doch älter ist, geht der Spaß weiter."

Dr. Dr. Walter Lustig (1891 - 1945) war Mediziner und Anthropologe und gehörte 1914 zu den Erstbegutachtern des Altriper Knochens.

Der Sohn jüdischer Eltern konvertierte als junger Mann zum Christentum, arbeitete im 1. Weltkrieg als Lazarettarzt und danach in der Gesundheitsverwaltung. 1927 wechselte er als Medizinalrat in die Berliner Polizeiverwaltung. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde er aus dem Beamtenverhältnis entlassen - seine Ehe mit einer Nichtjüdin schützte ihn teilweise vor Schikanen.

Ab 1939 war Lustig in führender Position bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland tätig, 1942 wurde er Ärztlicher Direktor des Jüdischen Krankenhauses in Berlin.

Seine Rolle während der Nazi-Jahre ist umstritten. Historiker charakterisieren ihn als zwiespältig. Einerseits soll er Juden vor der Deportation bewahrt, andererseits aber auch mit den Nazis kollaboriert haben.

Nach Kriegsende wurde Lustig von überlebenden Juden wegen Zusammenarbeit mit der Gestapo angezeigt, von sowjetischen Soldaten verhaftet und kurz darauf hingerichtet.

(Quelle: morgenweb.de am 21.01.2013 / Timm Herre)