Der Knochen im Kies

Haben Kiesbagger 1914 tatsächlich zwischen Altrip und Waldsee den Oberschenkelknochen eines Neandertalers freigelegt? Experten haben das immer wieder behauptet. So entstand auch der Spruch: „Der älteste Pfälzer ist ein Altriper“. Sicher ist heute: Der Knochen wurde auf Waldseer Gemarkung gefunden. Ob er einem Neandertaler gehörte, soll jetzt nochmals geprüft werden.

Wie alt dieser Knochen ist, soll jetzt mit der Radiokarbonmethode ermittelt werden. FOTO: PRIVATWie alt dieser Knochen ist, soll jetzt mit der Radiokarbonmethode ermittelt werden. FOTO: PRIVAT

Die Geschichte vom Waldseer Oberschenkelknochen beginnt eigentlich schon 1907. Da nämlich wurde in Mauer bei Heidelberg ein fossiler menschlicher Unterkieferknochen gefunden, dessen Alter Experten auf 600.000 Jahre schätzten. Dieser Fund wurde weltweit als „Homo heidelbergensis“ bekannt und war zugleich der älteste europäische Menschenfund. Damals fragte sich der erste „Berufskonservator“ des Historischen Museums der Pfalz in Speyer, Friedrich Sprater, ob solch alte Knochen wohl auch am Oberrhein vergraben liegen. Und kam auf eine Idee.Er bat die zahlreichen Kiesbaggereien, insbesondere um Ludwigshafen herum, alles bei der Arbeit anfallende Knochenmaterial zu sammeln und bei ihm einzureichen. Und dann passierte es: In einer Sendung mit Gebeinen, die die Dampfziegelei Marx in einer Grube zwischen Altrip und Waldsee ausgebaggert hatte, entdeckte Sprater einen fossilen menschlichen Oberschenkelknochen.

Das war 1914.

Der Konservator kam nach Begutachtung des in neun Metern Tiefe gefundenen Stücks und des beiliegenden Erdmaterials zu dem Schluss, einen eiszeitlichen Menschenfund vor sich zu haben. Sicherheitshalber jedoch schickte er das Femur – das ist der wissenschaftliche Ausdruck für Oberschenkelknochen – zur Begutachtung an den angesehenen Anatomen und Anthropologen Professor Hermann Klaatsch nach Breslau. Der hatte auch mit zu den Erstbeurteilern des „Homo heidelbergensis“ gehört.

In dessen Institut nahm sich Walter Lustig, der trotz Kriegseinsatz sein Staatsexamen als Mediziner mit „summa cum laude“ abgeschlossen hatte, der Bewertung des Knochens an. Mehr noch: Walter Lustig schrieb über den Knochenfund aus dem Marx´schen Weiher eine weitere Doktorarbeit. Darin stellt er fest: „ein neuer Neandertalfund“.

Nachdem ein Münchner Professor namens Ferdinand Birkner das Alter des Fossils jedoch anzweifelte, schaltete Friedrich Sprater noch einen ausgewiesenen Spezialisten für eiszeitliche Knochenfunde im Rheintal ein, einen Doktor Freudenberg. Der wiederum bestätigte, dass der Fund der Neandertalrasse zuzuordnen sei,

Allerdings war der Mensch, dem der Knochen gehörte, wohl kein Altriper. Friedrich Sprater legte da irrtümlich eine falsche Spur. Während Walter Lustig das Femur stets als einen Fund aus der Umgebung von Ludwigshafen beschrieb, sprach Sprater wiederholt von einem Fund in „Altriper Kiesen“ und vom „diluvialen menschlichen Oberschenkelknochen von Altrip“. Zwar hatte die Firma Marx ihren Sitz in Altrip. Aber ihre Kiesgruben lagen größtenteils auf Waldseer Gemarkung. Auch der Weiher, aus dem der Knochen stammt.

Viele Autoren verfolgten nun die falsche Spur, so etwa Professor Daniel Häberle, der Altriper Rektor Erich Dudy und dessen Konrektor Maurer. Und überhaupt sorgte der Glaube an den Neandertalmenschen vom Oberrhein für überschwänglichen Lokalpatriotismus. So billigte Erich Dudy in einer seiner Publikationen dem Femur gar ein Alter von einer Million Jahren zu, was Bürgermeister Michael Marx 1969 zur 1600-Jahrfeier der Gemeinde Altrip gerne wieder aufgriff und weiterverbreitete. Und dann war der Knochen auf einmal verschollen.

Erst 1994 hat ihn ein Altriper Hobbyhistoriker im Naturkundemuseum Bad Dürkheim wieder ausfindig machen können. Ein Geologe befreite den Knochen mit Hilfe von Studenten aus einer Kiste, wo er zusammen mit Knochenresten von wollhaarigem Nashorn, Mammut, Edelhirsch, Wildpferd und Bison einen Dornröschenschlaf gehalten hatte. In den er aber alsbald wieder versinken sollte.

Doch pünktlich zum Tag seiner Entdeckung vor 100 Jahren soll jetzt abschließend geklärt werden, wie alt der Knochen tatsächlich ist und ob er einem Neandertaler gehörte. Und deshalb beschäftigen sich die Experten wieder mit dem Stück, das nunmehr im Urweltmuseum auf Burg Lichtenberg bei Kusel, einer geowissenschaftliche Zweigstelle des Bad Dürkheimer Pfalzmuseums für Naturkunde, aufbewahrt wird.

Die neuerliche Untersuchung will die Gemeinde Waldsee bezahlen. Vielleicht damit auch klar wird, wo der Knochen wirklich herstammt. Denn obwohl 1997 die RHEINPFALZ und 2000 das Heimatjahrbuch des Kreises über die wahre Herkunft des Fossils berichteten, ist teilweise immer noch zu lesen: „Der älteste Pfälzer ist ein Altriper.“

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 09.01.2013 / Wolfgang Schneider)

Zur Sache: Der Knochen und das Jahr 2014

Weil es 2014 hundert Jahre her ist, dass der Oberschenkelknochen in der Kiesgrube gefunden wurde, gewinnt das lange Zeit vergessene Fossil wieder eine besondere Bedeutung, die weit über die Verbandsgemeinde Waldsee hinausgeht. Immerhin war es womöglich der erste eiszeitliche Fund in der Pfalz. Jedenfalls fände es der Waldseer Bürgermeister Otto Reiland (CDU) schön, wenn er das „rare Stück“ im kommenden Jahr im Rathaus ausstellen könnte, vielleicht sogar als Dauerpräsentation. Vorher sollte aber abschließend geklärt sein, wie alt der Knochen nun wirklich ist.

Über den Haupt- und Finanzausschuss hat sich Reiland bereits grünes Licht für die Kostenübernahme zur exakten Altersbestimmung des Knochens mittels der C14-Methode geben lassen. Die Radiokarbonmethode ist ein Verfahren zur radiometrischen Bestimmung von kohlenstoffhaltigen, insbesondere organischen Materialien. Forscher können damit herausfinden, wie alt ein Fundstück ist, und das in einer Zeitspanne von 300 bis etwa 60.000 Jahren. Das Verfahren beruht darauf, dass in abgestorbenen Organismen die Menge an gebundenen radioaktiven C14-Atomen gemäß dem Zerfallsgesetz abnimmt. Lebende Organismen sind von diesem Effekt nicht betroffen, da sie ständig neuen Kohlenstoff aus der Umwelt aufnehmen und sich der Atom-Anteil reguliert. Sollte das Fundstück älter als 60.000 Jahre sein, könnte eine Knochenmarkuntersuchung helfen, Aufschluss über das exakte Alter zu bekommen.

Egal wie das Alter bestimmt wird: Es zählt das Ergebnis. Und wenn der Knochen wirklich vom Neandertaler stammt, freuen sich wohl auch die Altriper, die 2014 mit den Waldseern eine Gemeinde bilden. (wlf)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 09.01.2013)