Im Licht des Küchenfeuers mit Mäusen geplauscht

Das 20. Jahrhundert im Spiegel der Landkreis-Gemeinden – 1900 bis 1910

Es war ein ganz normaler Wochentag, als Katharina Schneider am Abend in der Küche ihres kleinen Hauses saß und beim Licht, das aus der geöffneten Feuerungsklappe ihres Küchenherds drang, Kleidungsstücke ihrer Kinder flickte. Katharinas Mann Ludwig hatte kurz zuvor die Wohnung in der Römerstraße in Altrip verlassen, um sich mit seinen Freunden vom Fußballclub zu treffen. Die Kinder der Eheleute, vier an der Zahl, lagen bereits in den Betten, die alle in einem einzigen Zimmer untergebracht waren. So blieben Katharina Schneider, gerade einmal 34 Jahre alt und müde von der Arbeit in einer Mannheimer Fabrik, wieder nur die Mäuse unter dem Küchenherd, mit denen sie sich unterhalten konnte. Mit diesen redete sie oft. Sie hatte sogar ihre Lieblingsmaus.

Zum Bewässern ihrer Äcker holten die Altriper zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Wasser aus dem Altrhein. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 09.03.2005 | Text: Wolfgang Schneider & Markus Knopp | Foto: privat)

Den Nagern erzählte die Ehefrau und Mutter, die sieben Kinder auf die Welt gebracht hatte, von denen drei jedoch schon im Kindsalter starben, von ihren Sorgen und Nöten. Davon, dass ihr Mann Ludwig mittlerweile in fünf Vereinen des Dorfes aktiv und daher abends öfters unterwegs ist. Dabei fehle das Geld doch an allen Ecken und Enden. Ludwig, der den Unterhalt für seine Familie – wie so viele Altriper – in einer der vier Ziegeleien des Dorfes verdiente, brachte als Tageslohn 1,46 Mark mit nach Hause, während beispielsweise ein Kilogramm gebrannter Kaffee 3,46 Mark kostete. Auch deshalb hatte Katharina Schneider sich selbst nach einer Beschäftigung umgeschaut, die sie auf der anderen Rheinseite fand.

„Schmalhans“ herrschte zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts aber in nahezu allen Familien des einstigen Fischerdorfs. Die Kleidung war derb und die Kinder gingen im Sommer grundsätzlich barfuß. Fleisch und Gemüse gab es höchstens an Sonntagen. Dennoch war zu jener Zeit in Altrip eine gewisse Aufbruchstimmung zu spüren, die sich in der 1900 eingerichteten Schrankdrogerie, dem 1901 errichteten Kriegerdenkmal, der Niederlassung des ersten Dorfarztes 1903 sowie dem Bau der Maxschule 1904 ausdrückte. Und eben im erblühenden Vereinsleben sowie in einer stattlichen Anzahl von Lokalen.

Trotz aller Geldnot war Katharina Schneider mit ihrem Leben durchaus zufrieden. Am Morgen nach ihrem Plausch mit den Mäusen sah sie, bevor sie sich wieder auf in die Fabrik machte, die Gänse aus den Häusern in Richtung Altrhein watscheln, die bis 1908 in Altrip noch von einem Gänsehirten betreut wurden. Dann blickte Katharina Schneider hinüber zu ihren Kindern am kargen Küchentisch, der auf dem schlichten Lehmboden stand, und empfand Freude, obgleich der Nachwuchs und die Hausarbeit ihr viele weitere Strapazen auferlegten.

Entspannende Höhepunkte im Jahr waren die Kerwe, das Erntedankfest und die Hochzeiten im Dorf. Dann konnte Katharina Schneider endlich wieder einmal das Tanzbein schwingen, was sie äußerst gerne tat. Vergnügen bereiteten ansonsten die Hausschlachtungen, die vor allem im Winter überall an der Tagesordnung waren, da fast jeder Haushalt Hühner, Hasen, Enten, Ziegen und Schweine hielt.

Die meiste Zeit des Jahres aber bil dete die Küche, der in aller Regel einzige beheizte Raum, den Mittelpunkt im Leben der Familien. Hier stand der emaillierte Kohlenherd mit Backofen und einem Blechbehälter für Warmwasser. Das Feuermachen im Herd war nicht immer ganz leicht. Oft dauerte es geraume Zeit, bis größere Holzscheite oder Kohlen nachgelegt werden konnten, und erst wenn die Herdplatte entsprechend temperiert war, konnte ans Kochen gedacht werden.

1872 geboren, verbrachte Katharina Schneider ihr ganzes Leben in Altrip. Sie erlebte die Jahrhundertwende und beide Weltkriege, die sie maßgeblich prägten. Die „besseren Zeiten“, die mit der Gründung der Bundesrepublik anbrachen, durfte sie noch einige Jahre erleben. Katharina Schneider starb 1954. Noch im hohen Alter sprach sie gerne mit den Mäusen, ihre letzte Lieblingsmaus lag gar auf der Bettdecke ihres Sterbelagers – tot.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 9. März 2005 | Text: Wolfgang Schneider & Markus Knopp | Foto: privat)
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