Gestählter Männerkörper ohne heroische Geste

Auf dem Altriper Friedhof erinnert ein nackter, melancholischer Held an die toten Soldaten der beiden Weltkriege

Heldengedenken an wechselnden Orten: Als auf dem neuen Altriper Friedhof 1911 zum ersten Mal ein Grab ausgehoben wird, ist für viele undenkbar, dass bereits drei Jahre später Millionen Männer im Trommelfeuer des Ersten Weltkrieges den Tod finden werden. Heute erinnert ein Denkmal an der Südseite des alten Friedhofteils an die Gefallenen. Doch der Gottesacker war nicht der ursprüngliche Aufstellungsort für das Ensemble.

Die nackte, überlebensgroße Männergestalt ist eigentlich für eine andere Stelle in der Gemeinde geschaffen worden: Unmittelbar am Wasserturm erinnerte sie dort zunächst an die Gefallenen des großen Krieges. Als die Gedenkstätte 1927 in Altrip eingeweiht wird, hatten schon viele deutsche Gemeinden ihren Kriegstoten ein Denkmal gesetzt. Dem Tod im Schützengraben sollte nachträglich ein Sinn gegeben werden. Von 1925 an entstanden daher zunehmend Arbeiten, die Soldaten als Helden zeigen. Auch das Altriper Beispiel belegt, dass in der Zeit der Weimarer Republik gestählte Männerkörper ins Bild gesetzt wurden.

Der Altriper Version fehlt jedoch die typische heroische Geste - beispielsweise ein gen Himmel gestrecktes Schwert. Melancholisch blickt der Krieger auf die Waffe zwischen seinen Händen. Auch sein zusammengesunkener Oberkörper widerspricht dem zeitgenössischen Männlichkeitsideal: Angesichts des Kriegssterbens wird der Heros zum Trauernden, er ist Täter und Opfer in einer Person. Als die Skulptur in den 1950er-Jahren auf den Friedhof verlegt wurde, wird sie Teil einer Anlage, die auch den Gefallenen des Zweiten Weltkrieges gewidmet ist. Einem Gräberfeld ähnlich sind davor kleine Grabsteine für die Menschen der Gemeinde verlegt, die bei Bombenangriffen starben.

In Blickachse des Denkmals finden sich weitere Gräber, die neben dem Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts auch die Ortsgeschichte dokumentieren. So liegen in der imposanten Grabstätte der Familie Baumann, die einst eine Ziegelei am Ort betrieb, gleich drei ehemalige Altriper Bürgermeister. Im Zentrum der mehr als zwölf Meter langen Grabanlage steht eine von Pilastern geschmückte Urne.

Darüber findet sich eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Das Tier ist mit vielen Bedeutungen belegt. Traditionell ist es sowohl ein Symbol des Todes als auch ein Zeichen der Auferstehung. Auf dem Grabstein wird die Schlange zu einer Zustandsbeschreibung. Und zugleich ist sie Ausblick auf ein Weiterleben nach dem Tod.

Nicht nur in der Gestaltung der Jugendstilsteine werden zeitgenössische Todesvorstellungen deutlich. Auch viele Inschriften spiegeln die Vorstellungen, die mit dem Sterben verbunden waren. „Gott rief sie aus den Leiden der Zeit. Hin in die Freuden der Ewigkeit”, steht auf der Grabstätte der Familie Johannes Reil. Das Leben erscheint hier als des Menschen Last, sein Ende als seine Erlösung.

Im Angesicht des Todes blieb der Familie Schneider dagegen nur die Erkenntnis: „Gottes Ratschluss ist unerforschlich.” Wieder andere Hinterbliebene dokumentierten auf den Steinen, wie schwer Trauer und Trennung für sie sind. So beklagen Eltern schriftlich den viel zu frühen Tod ihres Sohnes - nur wenige Meter entfernt von dem Ensemble, mit dem die ganze Gemeinde an die Männer erinnert, die im Krieg geblieben sind.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 12. November 2010 | Text: Kirsten Fitzke | Foto: Lenz)

Trauriger Held: Das Kriegerdenkmal stand ursprünglich am Wasserturm. Über der Grabstätte der Familie Baumann (rechts) ringelt sich eine Schlange. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 12.11.2010 | Text: Kirsten Fitzke | Fotos: Lenz)

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