Altriper Fischer trugen das „Auge Gottes” auf dem Kopf

Interessierte schneidern derzeit die alte Ortstracht in einem Nähkurs nach - Trachtengruppe beim Fischerfest 2007?

Männern beim Schneidern? Das gibt es unter Anleitung von Schneidermeisterin Heike Just in Altrip. Der Heimat- und Geschichtsverein hatte die Idee, dass Interessierte die traditionelle Altriper Tracht in einer „abgespeckten” und trageleichten Form nachnähen. Wenn das Interesse entsprechend groß ist, könnte im Jahr 2007 eine Altriper Trachtengruppe beim großen Umzug anlässlich des 75. Fischerfestes mitlaufen.

Zusammen mit Elke Knöppler, stellvertretende Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, hatte Heike Just eine Beschreibung der Altriper Tracht in einem kleinen Büchlein des Heimatforschers Hermann Provo (1845 - 1918) wieder entdeckt. Für eine Ausstellung des Heimat- und Geschichtsvereins im Jahr 2003 hatten Just und Knöppler eine solche Tracht erstmals den Kleiderpuppen Michel und Lisett auf den Leib geschneidert.

Auf dem Mannheimer Markt erregten die laut Heimatforscher Provo „reckenhaften Altriper Fischergestalten“ in ihren malerischen Mänteln stets Aufmerksamkeit. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 23.11.2005 | Text: Wolfgang Schneider | Foto: Lenz)In seinem Büchlein von 1910 beschrieb Provo die Tracht mit „Mitzel”, armdicke „Wörscht” um die Hüften und einer schmucken, weißen Bauernhaube mit fliegenden Seidenbändern. Typisch fand Provo vor allem die Altriper Fischerkleidung. „Wer sie so dastehen sah, in ihren malerischen, reichfaltigen schweren Mänteln, den Dreispitz oder den zerdrückten breitkrämpigen Hut auf dem Kopf, den ,Fisch-Hamme” auf den Schultern, der durfte sich nicht wundern, dass diese reckenhaften Gestalten auf dem Mannheimer Markt stets auffielen”, schwärmte er davon.

In für den Mann: Manchester-Hose

Damit hatte Provo das Interesse der beiden Altriper Frauen geweckt. Originaltrachten oder exakte Beschreibungen waren in Altrip aber nicht mehr aufzutreiben. Nur zwei Fotos aus der Zeit um 1870 gab es. Trotzdem wollten die Frauen die Altriper Tracht rekonstruieren - möglichst mit Originalmaterial. Das war nicht einfach: Materialien mussten gar in Salzburg, Frankreich, München, Wien und Bregenz eingeholt werden.

Charakteristisch für die Männertracht waren die Hüte. Für die Fischer wurde ein breitkrempiger „Nebelsegler” aus schwarzen, dicken Filz angefertigt, der sowohl vor Regen als auch vor Sonne schützte. Dazu der vornehmer wirkende Dreispitz, der auch „Nebelspalter” oder „Auge Gottes” genannt wurde. Ein langer einreihiger Mantel aus schwerem nachtblauen Tuch und zwei großen, geschwungenen Klappentaschen gehörte ebenfalls zur Tracht. Das hüftlange Wams aus nachtblauem Wollstoff sowie die Weste aus mittelblauem Leinenstoff rundete die Oberbekleidung ab. Etliche Altriper Leinenweber lieferten damals vor Ort das Material. Neben einem weißen Leinenhemd zur Sonntagstracht zeichnete den „gut angezogenen Mann” eine nachtblaue Manchesterhose aus - so sieht auch die rekonstruierte Cordhose aus.

Als Kopfbedeckung der Frau wurde eine Haube gewählt, die in écrufarbenem Seidenjacquard bezogen wurde, und als Schmuck Seidenbändchen mit Perlen sowie einer Seidenschleife und Moirébänder am Hinterkopf aufweist. Zur Festtagstracht gehört ein Tüchel (Brusttuch) aus hellblauem Reinseidenjacquard mit großem Blumenmuster, dazu ein schwarzes Seidenband.

In für die Frau: Rock wuchs mit

Das „Mitzel” (Jacke) zeigt in dunkelblauem Leinen im Vergleich zur Männertracht einen fast modernen Schnitt: ausgestellte Seitennaht in locker sitzender Form und überschnittener Schulter. Auf dem Leibchen in nachtblauem Leinenstoff waren kleine Streublümchen zu sehen. Das weiße Leinenhemd besitzt unter dem V-förmigen Ausschnitt einen knöpfbaren Latz. Dazu kam aus mittelblauem Leinen ein Unterrock. Der Rock war einst so geschnitten, dass er auch bei einer Gewichtszu- oder -abnahme, also auch fast bist zum Ende einer Schwangerschaft, getragen werden konnte. Als Stoff wurde dabei „Rass” gewählt, der je zur Hälfte aus Leinen und Schurwolle besteht. Dazu kamen zwei Schürzen. Weil die Tracht keine eingearbeiteten Taschen hatte, wurde stattdessen ein weißes Leinenumbindetäschchen mit Häkelspitzen und Monogramm sowie Fischersymbolen angefertigt.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 23. November 2005 | Text: Wolfgang Schneider | Foto: Lenz)
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