Eine achtjährige Odyssee durch Straflager

Philipp Dietrich, letzter Rußlandheimkehrer der Gemeinde, feiert heute 80. Geburtstag

Wer den Zweizentnermann Philipp Dietrich sieht, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, kann kaum glauben, dass er der letzte Altriper Kriegsgefangene in Russland war. Beim offiziellen Empfang durch die Gemeinde am 4. Oktober 1953 war ganz Altrip auf den Beinen. Jeder wollte ihm die Hände schütteln. Vom Rathausbalkon aus begrüßte ihn Bürgermeister Philipp Hook und die Honoratioren des Ortes. Der ''Diedriche-Filp'', wie er im Ort allgemein genannt wird, war damals überwältigt und gerührt, denn alle Vereine hatten sich zur Begrüßung eingefunden und ihn mit Blumenkörben und Geldspenden reich bedacht.

Philipp Dietrich blickt auf ein bewegtes Leben zurück. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 06.09.2000 | Text: Wolfgang Schneider | Foto: Lenz)Dietrich, der bei Kriegsende mit seiner Truppe in der Tschechoslowakei stand, landete nach der Kapitulation zunächst in einem Kriegsgefangenen-Lager in Bessarabien. Dort traf er zwei noch heute lebende Altriper: Eugen Kohl und Oskar Hofacker. Die Brunnen des Lagers wurden, so erinnert sich der Hochbetagte noch sehr genau, scharf bewacht. Da Eugen Kohl unsäglich unter großem Durst litt, schlug Dietrich nachts eine Brunnenwache nieder und schöpfte ein oder zwei Eimer für den Leidenden. Die ''schlagfertige Aktion'' hatte natürlich Folgen. Schon bald kam der Gefangene in ein ''Rotes Dorf'' genanntes Lager bei Moskau.

Dort stand tagsüber Fabrikarbeit an und abends wurden Pritschen gebaut. Die Lage der Gefangenen war katastrophal: Tote Stubenkameraden wurden tagelang als krank gemeldet, um an deren Essensration ran zu kommen. Eine weiteres Lager folgte. Dietrich gelang es, in einem Dorf oder einem Bauernhaus Lebensmittel zu erbetteln. Der Altriper, der sich auf russisch verständigen konnte, erlebte dabei nie eine Abfuhr. Die Frauen gaben oft ihre letzten Vorräte her. Schlimm dagegen verhielten sich manche politischen Führer und kleine Aufseher.

Zu 60 Jahren Straflager verurteilt

Bei über 30 Grad Minus arbeitete Dietrich mit einem Trupp im Freien, als ein Mithäftling von einem Aufseher geschlagen wurde, nur weil er sich am Ofen eines Bauwagens aufwärmen wollte. Kurzerhand nahm Dietrich ein Lattenstück und schlug den Peiniger. Schläge, ''Wasserkarzer'', nächtliche Verhöre und eine Verurteilung zu insgesamt 60 Jahren Straflager waren die Folge. Dietrich wurde als ''renitenter'' Häftling zu den ''Politischen'' in ein Lager bei Swerdlowsk gesteckt. Sein Pritschennachbar wurde dort der bekannte Jagdflieger Erich Hartmann. In seiner Stube war auch Hitlers persönlicher Adjutant Otto Günsche. Die Lager-Odyssee ging weiter. In Rostow am Don brach eine Gefangenen-Revolte aus, bei der russische Geiseln genommen wurden. Die Folge war ein Schauprozess. Dietrich landete in einem Lager in der asiatischen Steppe.

1953 saß er bereits in einem Waggon für einen Heimtransport. Kurz vor der Abfahrt wurde er jedoch wieder herausgeholt. Wochen später erfuhr er den Grund: In der DDR war der Volksaufstand am 17. Juni ausgebrochen. Doch endlich kam auch für ihn der Tag der Heimkehr. Nach einer tagelangen Fahrt kam er, gebadet, entlaust und mit einem ''Brennesselanzug'' versehen, im Lager Friedland (Hessen) an. Dort holten ihn sein Ex-Mitgefangener Eugen Wenz und seine Braut, Philippine Burchhardt, ab. Nach der Verlobung 1942 war die Vollwaise Philipine zu Dietrichs Eltern gezogen, wo sie tapfer nahezu elf Jahre auf ihren Philipp wartete. Durch eine Nachricht wusste man im Ort, dass der frühere Obergefreite noch lebte.

In den acht langen Lagerjahren hat ihn seine positive Einstellung, sein Organisationstalent und sein Gemeinschaftssinn am Leben gehalten. Nach seiner Rückkehr heiratete er 1954, nahm eine Arbeit bei Giulini auf und betätigte sich dort, wie auch in der Gefangenschaft, in einer Kulturgruppe. Von 1957 an arbeitete er 26 Jahre lang im Großkraftwerk. Besonders stolz ist er auf seine Frau, seine Tochter und die beiden Enkelkinder. Dietrich ist in vielen Vereinen engagiert. Seit 65 Jahren ist er Mitglied des Athletenclubs und eben so lang beim Männergesangverein. Seit 25 Jahren singt der Tenor auch bei ''Frohsinn Waldsee''. Er war auch Fußballer beim TuS Altrip und viele Jahre verkörperte er bei den Fischerfestumzügen den Abt Regino, eine Figur, die ihm auf den Leib geschnitten war.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 6. September 2000 | Text: Wolfgang Schneider | Foto: Lenz)
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