„Altriper” Kirchengesetze

Das Sendhandbuch des Benediktiners Regino von Prüm in deutscher Sprache

In der Buchreihe „Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters” ist das „Das Sendhandbuch des Regino von Prüm” erschienen. Der Benediktinermönch, Musiktheoretiker und Geschichtsschreiber Regino, Verfasser der ältesten deutschen Weltgeschichte, wurde um 840 in Altrip geboren. Nahezu 1100 Jahre später hat nun Wilfried Hartmann, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Tübingen, Reginos Sendhandbuch ins Deutsche übertragen.

Die in zwei Bücher geteilte Arbeit Reginos befasst sich zunächst mit Fragen an den Klerus und an die Laien und enthält einen Verhaltenskodex. Dazu hat Abt Regino die Rechtssätze aus Konzilien, Papstbriefen und Kirchenvätervorschriften, vor allem aber aus Synoden und Kapitularien der Karolingerzeit zusammengetragen. Sein Sendhandbuch stellt eine hervorragende Quelle heimischer Volkskunde der damaligen Zeit dar. Wenngleich wir heute viele Verhaltensregelungen, etwa in Sachen Moral und Zauberei, gut mit dem Begriff „Finsterem Mittelalter” verbinden können, so finden sich doch auch erstaunlich fortschrittliche Passagen. So etwa das Zinsverbot: Wer einen Scheffel Korn ausgeliehen hatte, durfte auch nur wieder einen Scheffel zurückverlangen. Für ein „Stückchen Erde für die Verwesung eines Menschen” Geld zu verlangen, wurde als schlimmer Verstoß gebrandmarkt. Die Priester durften für die Grabstätten, die es seit dem 5. Jahrhundert um die Kirchen („Kirchhof”) gab, auch keinerlei „Spenden” verlangen. Die Kirche damals zog in einen regelrechten Feldzug gegen die Trunksucht. Übergab sich etwa ein Priester oder Diakon im Rausch, so musste er 40 Tage büßen, Mönche 30, niedrige Kleriker immerhin noch 20 Tage. War der Trunkenbold aber ein Laie, so genügten 15 Tage. Musste sich infolge von Trunkenheit oder Fresssucht ein Bischof erbrechen, so waren 90 Tage Buße fällig.

Sehr ausführlich werden den Laien die acht Hauptlaster erklärt, nämlich Hochmut, eitler Ehrgeiz, Neid, Jähzorn, Trübsal, Habgier, Gefräßigkeit des Bauches und Ausschweifung. So führt Regino an: „Aus der Trübsal wird Bosheit geboren, Groll, Kleinmütigkeit, Verzweiflung, Lethargie, schwankende Gesinnung. Aus Habgier entstehen Verrat, Betrug, Täuschung, Meineid, Unruhe und Verhärtung gegen die Barmherzigkeit. Aus der Gefräßigkeit des Bauches pflanzt sich unangemessene Fröhlichkeit fort, Possenreißerei, Unanständigkeit, Geschwätzigkeit, Abstumpfung des Verstandes...”

Andererseits zeigten die kirchlichen Bestimmungen eine höchst menschenverachtende Haltung. So gab es etwa auch Kirchensklaven. In aller Regel durfte ein „geschenkter” Sklave nicht per Freiheitsbrief entlassen werden. Ging es um den Nachweis von Ehebruch, so forderte die Kirche eine „Ermittlung” beim Gesinde durch Folter. Es gab sogar Regeln, die an das religiöse Gesetz des Islam („Scharia”) erinnern. So verlor ein Priester, der durch Abgabe von Chrisam ein Gottesurteil beeinflussen wollte, eine Hand, nachdem er zuvor von seinem Amt abgesetzt wurde. Ohne Chrisam, ein geweihtes Gemisch aus Olivenöl und Balsam, das zum Salben bei der Taufe diente, durfte sich kein Priester weit von der Kirche entfernen.

Große Teile aus Reginos Sendhandbuch wurden später übernommen und galten über viele Jahrhunderte hinweg als das Recht der Kirche schlechthin.

Lesezeichen:
„Das Sendhandbuch des Regino von Prüm”, herausgegeben von Wilfried Hartmann, Wissenschaftliche Buchgesellschaft; 540 Seiten; ISBN 3-534-14341-8; 99 Euro.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 4. Juni 2005 | Text: Wolfgang Schneider)
Diese Website nutzt Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website bieten zu können.