Störche mit Vorlieben

Es klappert wieder ordentlich im Rhein-Pfalz-Kreis – in Böhl, Schifferstadt und Altrip sind Störche gesichtet worden. Sie sind aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt. „Recht früh“, wundert sich ein Leser ob der kühlen Temperaturen. Doch so ungewöhnlich sei das nicht mehr, meinen die Experten. Und der Grund ist nicht die Klimaerwärmung, wie viele wohl vermuten.

Zunächst hatte sich das Altriper Storchenpaar in der Römerstraße verpasst, am Valentinstag haben sich die beiden aber wieder gefunden. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 22.02.2020 | Text: Doreen Reber | Foto: Bretschneider/ frei)

„Erstaunlich, dass die Böhler Storchenfamilie recht früh aus ihrem Winterquartier zurückkehrte. Ende Januar war schon der erste Storch da. Hoffentlich holen sich die beiden keinen Schnupfen in den kommenden kalten Februarnächten“, schreibt Winfried Seelinger aus Dannstadt an die Redaktion und liefert auch gleich ein Foto der imposanten Tiere mit, die auf einen Strommast am Schulplatz mitten in Böhl ihr Sommerquartier bezogen haben.

Mindestens genauso früh dran war auch der Altriper Storch, der sein Nest am 30. Januar in der Römerstraße bezog, berichtet RHEINPFALZ-Leserin Anja Bretschneider. „Es war die früheste jahreszeitliche Ankunft für Altrip“, meint sie, im vergangenen Jahr sei Altrips Adebar gut eine Woche später dran gewesen. Bretschneider sitzt bei der Storchenschau quasi in der ersten Reihe, denn sie kann alles direkt von ihrem Küchenfenster aus beobachten. Mit dem entsprechenden Kamera-Objektiv erkannte sie sogar die Ringnummern. „Die habe ich auch gleich dem BUND gemeldet“, erzählt sie. Anhand derer konnte sie – ganz investigativ – ein kleine goldige Episode rekonstruieren.

Der alte bekannte Storch verließ kurz nach der Rückkehr das Nest wieder, dann kam seine Störchin aus dem Vorjahr und dachte sich wohl: „Ups, keiner da, dann fliege ich mal weiter.“ Daraufhin tauchten drei fremde Störche auf, die waren aus dem Luisenpark, wie die Ringnummern verrieten. Doch der Besuch aus der rechtsrheinischen Nachbarschaft hat sich wohl nur umgeschaut. Zum Glück, denn so konnte das Altriper Männchen kurz darauf das Nest für seine Dame herrichten: „Und die tauchte doch just am Valentinstag auf“, erzählt Bretschneider . Verliebt wie noch vor vier Jahren, als sie sich das erste Mal in der Rheingemeinde niederließen, sind sie derweil schon in Paarungslaune, wie Anja Bretschneiders Bild zeigt.

Auch auf Facebook wurde frohe Kunde ganz digital verbreitet: Eine Schifferstadterin postete ein Storchen-Bild und schreibt dazu: „Unser jährlicher treuer Stammgast ist wieder da und sein Frauchen kommt bestimmt auch bald. Viele Grüßen aus der Holzgasse.“ Gut einen Kilometer Luftlinie entfernt – im Vogelpark Schifferstadt – ist vor gut drei Wochen ein alter Bekannter aufgetaucht: „Ein sehr dominantes Storchenmännchen, das seit zehn Jahren in einem der Neste alle Jahre Quartier bezieht“, berichtet Peter Tiesler vom Vogelschutz- und Zuchtverein Schifferstadt. Die Dominanz des Storchs sei derart ausgeprägt, dass er keine anderen Störche in den anderen Nestern dulde.

Der Tisch ist hier reich gedeckt
Wieso sind die ersten Störche wieder da? Das fragen sich wohl nicht nur Leser, verbindet man mit dem Storchzug doch den Frühling oder frühlingshafte Temperaturen. „Früher habe wir die ersten Störche erst im März gesichtet“, erinnert sich Winfried Seelinger. Doch das sei schon lange nicht mehr so, sagt Andreas Gutting, Vorsitzender des Vereins Aktion Pfalzstorch in Bornheim. Seit etwa zehn Jahren komme es immer wieder vor, dass Störche bereits im Januar in ihre angestammten Nester oder Regionen zurückkommen. Wer aber jetzt auf die Klimaerwärmung deutet, der irrt. Denn: „Die Temperaturen sind nicht der Grund, warum die Störche wegziehen und zurückkommen“, sagt Guttings Vorstandskollege Christian Reis. Störche überstünden längere Kälteperioden ganz gut. Sie frieren vermutlich nicht, haben aber Hunger, denn das Futterangebot ist entscheidend, wo Adebar hinzieht. Und das ist im Winter auf Feuchtwiesen an Gewässern im Süden eben größer. Störche ziehen dafür nach Afrika, Spanien oder auch „nur“ bis Südfrankreich.

Wer jetzt wiederum denkt, dass die Störche aufgrund der Klimaerwärmung für einen reich gedeckten Tisch nicht mehr so weit in den Süden ziehen müssen und deshalb immer früher wieder „zu Hause“ sind, irrt wieder. Dank der GPS-Sender sind Routen dokumentiert – auch zum Beispiel die eines gefiederten Schnellfliegers, der die Strecke von Sevilla nach Bornheim in elf Tagen zurücklegte und am 5. Februar wieder da war, berichtet Christian Reis. Auch fliegen immer noch viele Störche nach Afrika, auch bis über die Sahara hinaus.

Auffällig sei nur, dass die angestammten Nester früher besetzt werden. „Vielleicht wollen sie schnell zum altbekannten Nest, um nicht um dieses kämpfen zu müssen“, meint Reis. Der Experte vermutet hinter dem veränderten Zugverhalten vielmehr die gute Anpassung der Störche am Futterangebot. Früher standen Insekten, Regenwürmer, Mäuse oder kleine Fische auf seinem Speiseplan – „heute sind sie darüber hinaus Alles- und Aasfresser“, sagt Reis. Sie pendeln zum Teil zwischen Gewässern und Mülldeponien hin und her, gehen aber auch auf Äcker und in den Wingert. Und jeder Storch hat dabei seine Vorlieben – so gebe es jene, die es klassisch handhaben und weit ziehen, und eben jene, die sogar hier überwintern. So gesehen ist Adebar ein Individualist.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 22. Februar 2020 | Text: Doreen Reber | Foto: Bretschneider/ frei)
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