Die wundersame Zeitreise des Sextus Aetius

Eine fantastische Geschichte zur „Römer“-Ausstellung im Bürgerhaus am 22. und 23. Januar sowie 29. und 30. Januar

Der römische Legionär, nennen wir ihn Sextus Aetius, kam wie sein oberster Befehlshaber und Gründer des heutigen Altrip, Kaiser Valentinian I., aus Pannonien zum „monimentum celsum et tutum“, dem hochragenden und sicheren Bollwerk „alta ripa“ am linken Rheinufer. Auf der rechten Rheinseite stand ein Vorwerk und dazwischen eine Schiffsbrücke. Für die römische Rheinflotte stand zudem in unmittelbarer Nähe ein Hafen zur Verfügung. Sextus Aetius fühlte sich in alta ripa sicher, denn es war eine aufs raffinierteste ausgedachte, unter orientalischen Einflüssen stehende spätrömische Befestigungsanlage, dem gegenüber sich die Kastelle der Limeszeit, wie etwa die Saalburg, als schwächliche Bauten ausnahmen.

Er gehörte der kleinsten militärischen Einheit an, dem „contubernium“, einer Gruppe von zehn Soldaten, die als Gemeinschaft zusammenlebten und sich auch gemeinsam verpflegten, denn im alta ripa gab es keine Kantine. Wie überhaupt die gesamte römische Armee keine Kantinen kannte. Dennoch war der Legionär mit seiner Verpflegung eigentlich ganz zufrieden. Es gab täglich Frischfleisch, Weizenbrot sowie Obst und Gemüse. Nur die Sonne des Südens fehlte ihm und die Rheinschnaken ärgerten ihn oft gewaltig.

Die Warmluftheizung verbreitete eine wohlige Wärme

Sextus war Christ und eine Bronzelampe in Form einer Taube diente dem liturgischen Gebrauch im Gottesdienst. Das Lämpchen wurde mit Öl gefüllt und brannte aus der runden Öffnung am Schwanz der Taube. Als sich der Legionär zu einem langen, tiefen Schlaf niederlegte, war der Himmel über alta ripa sternenlos schwarz und kein Windhauch bewegte sich. Es war Januar und nur ganz wenige Legionäre litten an Sumpffieber und auch die Schnaken waren verschwunden. Die Warmluftheizung des Kastells verströmte eine wohlige Wärme in den Kasernenräumen, die unmittelbar hinter den drei Meter dicken Mauern des trapezförmigen Kastells lagen.

Über 40 Räume dienten vielfältigen Zwecken, sei es als Mannschaftsräume, für die Verwaltung, als Speicher oder als Waffenarsenal. Der freie Innenhof hatte immerhin beachtliche 5000 Quadratmeter und mit den Eingangspforten verfügte die Anlage über sechs wehrhafte Türme. Als Annäherungshindernis gab es zusätzlich noch einen mit dem Rhein verbundenen Sohlgraben. Sextus konnte also beruhigt schlafen.

Als er wiedererwachte, wusste Sextus nicht, wie ihm geschah. Alles war anders und man schrieb Mitte Januar 2005. 1636 Jahre waren vergangen, seit er sich in der Kaserne zum Schlafen niederlegt hatte. Er rieb sich lange die schlaftrunkenen Augen, blinzelte einem schummrigen Licht entgegen und stellte fest, dass er wohl in einem Keller lag. Als er sich an den spärlichen Lichtschein, der von einem kleinen Kellerfenster kam, gewöhnt hatte, fand er sich in seltsamen Kleidern wieder. Schlimmer noch: sein Waffenrock fehlte.

Noch etwas schwach auf den Beinen begab er sich zur Tür und trat ins Freie. Was für ein schlimmer Traum! Keine Römer, keine Kommandos! Nur der kalte Wind war ihm sofort wieder vertraut. Er stapfte vorwärts und sah plötzlich auch andere Menschen in ähnlich „unmöglicher“ Kleidung. Doch was war das? Statt eines römischen Streitwagens raste plötzlich ein glänzendes rotes Etwas auf vier Rädern vorbei. Sextus trat erschrocken einen Schritt zurück und drückte seinen Rücken und seine Hände an eine ihm ebenfalls seltsam anmutende Behausung. Er kniff sich in die Wange, dass er ja nur nicht träume. Nein, er träumte nicht!

Er hatte eine Zeitreise in die Zukunft hinter sich. Er suchte krampfhaft nach Vertrautem. Mickrig kleine Säulenstümpfe aus dem Kastell fand er beidseits der Kirchentür in der Ludwigsstraße. Der komplette Kirchenbau, so ortete er den Standort, steht da, wo früher die südlichen Kasernenbauten waren und genau zwischen Ludwigstraße 10 und 12 stand einst der Kastellbrunnen. Und am Anfang der Reginostraße, dort wo sich heute ein Zahnarzt um seine Patienten müht, standen die Säulen, die den Übergang von den Kasernen zum freien Hof bildeten. Sextus ging weiter und war nahezu entzückt, als er auf eine Straße zu Ehren von Valentinian I. stieß. Schließlich schuf dieser auch mit eigener Hand den ersten Bebauungsplan von alta ripa. Doch die Römerstraße machte ihn stutzig, denn seiner Schätzung nach lief die große Römerstraße, die so genannte Rheinstraße, etwa zwei Wegstunden westlich in nord-südlicher Richtung. Und was für ein Frevel! Ein Torso einer einstigen Jupitergigantensäule befindet sich heute weitab vom Kastellgelände auf einem Reiterhof. Nun gut, er hatte ja als „moderner Römer“ das Christentum angenommen und brauchte deshalb nicht mehr die alten Götter. Doch wo war der Neckar geblieben, der einst nahe bei Altrip gegenüber in einer Deltamündung sich mit dem Rhein vereinte?

Noch dunkel erinnerte er sich, dass Kaiser Valentinian aus Angst vor einer Unterspülung des Kastells den Neckar etwas nach Norden verlegen ließ – doch so weit weg war dies ja nun auch wieder nicht. Der Legionär fand einen Stapel Zeitungen. So etwas gab es einst im Kastell nicht. Alle Informationen wurden von Mund zu Mund weitergegeben. Wissbegierig las er und musste immer wieder den Kopf schütteln. Die hiesigen Bewohner wollen keine Brücke, wo doch hier eine stark frequentierte Schiffsbrücke bestand. Menschen hatten Probleme, eingebürgert zu werden, wo dies doch zu Kastellzeiten so einfach war. Ein Fremdvölkischer, der 25 Jahre römischer Soldat war, erhielt seinerzeit beim Abschied nicht nur Geld und Land, sondern für sich und seine Kinder auch das römische Bürgerrecht. Und wie viel Staaten es nun allein in Europa gibt! Dabei reichte das Römische Reich in seiner Blütezeit von Britannien bis weit nach Indien. Sextus‘ Kopf wurde schwer und schwerer und bald dämmerte er in die Ewigkeit hinüber.

So wie dieser „Römer“ in der Ausstellung könnte Sextus Aetius ausgesehen haben. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 19.01.2005 | Text: Wolfgang Schneider | Foto: Lenz)

Info
Die Ausstellung „Die Römer in Altrip“ mit Rahmenprogramm (auch für Kinder) ist vom 22. bis 23. Januar sowie vom 29. bis 30. Januar im Bürgerhaus Alta ripa, Ludwigstraße 42, zu sehen. Öffnungszeiten: samstags von 14 bis 19 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Marktplatz regional - 19. Januar 2005 | Text: Wolfgang Schneider | Foto: Lenz)
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