„Manche sind auch gescheitert“

Sie haben ihr Glück in der Ferne gesucht – und es oft auch gefunden: Menschen, die in den vergangenen Jahrhunderten ihre Heimat verlassen haben. Roland Paul spricht am Montag in Otterstadt über die Auswanderer von Altrip, Neuhofen, Waldsee und Otterstadt. Paul, Jahrgang 1951, ist seit 2013 Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern. Vorab berichtet er über die Gründe für die Auswanderung. Anzeigen im New Yorker Wochenblatt „Der Pfälzer in Amerika“ um 1900. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 21. Februar 2015 | Text: Kathrin Schnurrer | Foto: Rheinpfalz-Archiv)

Gruß aus der Heimat: Im Jahr 1900 geschriebene kolorierte Postkarte aus Otterstadt. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 21.02.2015 | Text: Kathrin Schnurrer | Foto: Archiv VHNO)Roland Paul. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 21. Februar 2015 | Text: Kathrin Schnurrer | Foto: View)Wie viele Menschen sind aus Otterstadt, Waldsee, Neuhofen und Altrip zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert ausgewandert?

Eine genaue Zahl kann ich nicht angeben, weil es für keines der Dörfer ein exaktes Auswanderungsverzeichnis gibt. Die offizielle Auswanderungsstatistik nennt nur die Zahlen für die öffentlich registrierten Auswanderer und erfasst in der Regel die heimlich, ohne behördliche Genehmigung weggezogenen Menschen nicht. Im 18. Jahrhundert waren es ein paar Dutzend. Im 19. Jahrhundert sind dann schon aus jedem dieser Dörfer ein paar Hundert Menschen in die USA ausgewandert.

Die Zielländer haben sich im Laufe der Jahrhunderte geändert. In welche Länder sind die Menschen gegangen?

Im 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert sind so manche nach Südosteuropa, das heißt in die habsburgischen Regionen Banat, Batschka, Galizien und Bukowina und nach Russland gezogen, im 19. Jahrhundert dann vor allem in verschiedene Bundesstaaten der USA, vereinzelt übrigens auch nach Algerien und Frankreich.

Aus welchen Gründen haben die Auswanderer der Pfalz den Rücken gekehrt?

Die Gründe sind ganz unterschiedlicher Art. Wirtschaftlich-soziale Gründe waren es meistens, aber nicht immer. Die Folgen der Realteilung haben in der Pfalz viele bäuerliche Betriebe ruiniert, so dass die Erben mit dem ihnen verbliebenen Land keine Familie mehr ernähren konnten. Das Ausweichen auf Handwerksberufe war auch nicht immer erfolgversprechend, weil viele dieser Berufe überbesetzt waren und die Industrialisierung setzte bei uns relativ spät ein. So manche junge Männer wollten auch nicht die zweijährige Dienstzeit beim bayerischen Militär ableisten und sind vorher lieber ausgewandert. Nach dem Hambacher Fest und der 1848er Revolution finden wir unter den Auswanderern auch Menschen, die aufgrund ihrer politischen Einstellung verfolgt waren und dann natürlich die vielen verfolgten jüdischen Emigranten in der NS-Zeit, die dadurch zum großen Teil ihr Leben vor dem Holocaust retten konnten.

1852 hat die Gemeinde 179 Otterstadtern die Überfahrt von Bremerhaven nach Quebec zum großen Teil bezahlt. Gibt es andere Gemeinden, die den Ärmsten die Ausreise bezahlt haben?

Zumindest für die Pfalz ist mir keine andere Gemeinde bekannt, die so viele Menschen auf einmal auf Gemeindekosten in die USA befördert hat. Es gab aber immer mal wieder Gemeinden, die ihre armen Einwohner mit öffentlichen Mitteln ausgewandert haben. Das war zwar offiziell nicht erlaubt, in Anbetracht der großen Armut hat die Regierung das aber dann doch durchgehen lassen.

Gibt es noch Spuren der Auswanderer in den Ziel-Ländern?

In vielen Städten und Regionen der USA gibt es durchaus noch Spuren von Auswanderern, auch wenn es oft nur noch die Grabsteine auf Friedhöfen und alte Kirchenbücher sind, die ihre Namen nennen.

Wissen Sie, ob die Menschen ihr Glück gefunden haben?

Wir wissen von etlichen Auswanderern, die in den USA durchaus ihr Glück gemacht haben, nicht gleich, oft auch erst in der nächsten Generation. Die Menschen, die im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts in die USA ausgewandert sind, aus der Landwirtschaft kamen und zu Hause als Kleinbauern kaum im Stande waren, eine Familie zu ernähren, konnten drüben oft günstig Land erwerben und sich einen landwirtschaftlichen Betrieb aufbauen, was ihnen zu Hause damals nicht möglich gewesen wäre. Aber nicht alle haben ihr Glück gefunden, manche sind auch gescheitert und nach einigen Jahren wieder nach Hause zurückgekehrt.

Der Vortrag beschäftigt sich mit der Auswanderung aus den vier Orten der neuen Verbandsgemeinde Waldsee. Wie haben Sie sich speziell auf Otterstadt, Waldsee, Neuhofen und Altrip vorbereitet?

Mein Vortrag behandelt zwar die gesamtpfälzische Auswanderung. Ich werde aber immer wieder versuchen, Einzelbeispiele aus den Orten der Verbandsgemeinde Waldsee zu nennen. Und die habe ich vor allem aus der Auswandererkartei unsres Instituts und aus der Zeitung „Pfälzer in Amerika“.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 21. Februar 2015 | Text: Kathrin Schnurrer | Fotos: Archiv VHNO, Rheinpfalz-Archiv, View)
Diese Website nutzt Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website bieten zu können.