Das böse Wort mit „r“

Der Ruderer fährt rückwärts durchs Wasser. Der Kanute hingegen vorwärts. Das ist einer der Unterschiede zwischen den beiden Sportarten. Und verwechseln sollte man sie tunlichst nicht. Sonst bekommt man was zu hören – auch in Altrip. Dabei ist das Paddeln im Rhein doch eigentlich eine sehr entspannte Sache.

Es gibt wenig, was ein Mitglied des Kanu-Clubs Altrip auf die Palme bringen kann. Eines schafft es aber in jedem Fall: das kleine Wörtchen „Rudern“. Es ist gewissermaßen ein böses Wort, das „R-Wort“. Blöderweise hat sich genau dieses Wort in einen RHEINPFALZ-Artikel über die Ortsregatta geschlichen, den ich Mitte August geschrieben habe. Und das hat sogleich die Mitglieder des Kanu-Clubs auf den Plan gerufen. Denn Rudern und Paddeln sind völlig unterschiedliche Sportarten – und auf eine Verwechslung reagiert man sehr empfindlich. Wahrscheinlich nicht nur hier in Altrip. Aber wieso das so ist, erklärt mir Karl-Friedrich Schneider, Vorsitzender des Kanu-Clubs und seit über 46 Jahren leidenschaftlicher Paddler.

Das Einsteigen ist gar nicht so einfach. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Elisia Pek bekommt Unterstützung von Karl-Friedrich Schneider, Chef des Altriper Kanu-Clubs. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 5.10.2019 | Text: Elisia Pek | Fotos:. Lenz)

Ab aufs Wasser: „Das ist alles eine Kombination aus Hüfte und der Arbeit mit dem Paddel“, sagt Kanute Schneider.  (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 5.10.2019 | Text: Elisia Pek | Fotos:. Lenz)Mit dem Paddel werden Trockenübungen gemacht. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 5.10.2019 | Text: Elisia Pek | Fotos:. Lenz)

Ursprünglich kämen beide Sportarten aus zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen. „Der Ruder-Sport ist der ältere. Für die gehobenere Klasse. Ende des 19. Jahrhunderts kam dann der Kanu-Sport aus der Arbeiterklasse“, sagt Schneider. Vor allem aber gilt eins: Ruderer fahren rückwärts, Paddler dagegen vorwärts. Schneider, 56 Jahre alt, hat auch einen sehr guten Merkspruch, um sich diese Tatsache zu merken: „Der Ruderer sagt: ,Guck, da war eine Kneipe.‘ Der Paddler dagegen sagt: ,Guck, da ist eine Kneipe.‘“ Eine super Eselsbrücke. Schneider, der auch privat gern mit seinem Kajak auf dem Wasser ist, hat mich zum Clubhaus des Kanu-Vereins eingeladen, um mir nicht nur die trockene Theorie des Paddelns zu erklären, sondern das Gelernte gleich in die nasse Praxis umzusetzen. Doch bevor es ins Wasser geht, holen wir die Kajaks aus der Garage des Vereins. Dann stehen Trockenübungen mit dem Paddel an. Um sich an die Bewegungsabläufe zu gewöhnen.

„Das Einsteigen benötigt etwas Übung“, meint Claudia Lissavang, seit gut drei Jahren Mitglied des Vereins und mittlerweile aus dem Kajak schon fast nicht mehr wegzudenken. Kanu, so erklären die beiden, ist dabei auch nur ein Überbegriff, der seinen Ursprung bei den Ureinwohnern Amerikas hat. Kanuten fahren Kajak oder im Kanadier. Im Kajak fährt man sitzend, im Kanadier knieend. Wer sich das Ganze schon einmal im Fernsehen angeschaut hat, bei den Olympischen Spielen zum Beispiel, hat eine Ahnung, wie anstrengend das für die Athleten ist. Und wer es selbst ausprobiert, spürt es am eigenen Körper.

Ich darf mich zu Beginn ins Einer-Kajak trauen. Das Einsteigen klappt eigentlich schon einmal ganz gut. Nur das Geradeaus-Fahren gestaltet sich etwas schwierig. „Das ist alles eine Kombination aus Hüfte und der Arbeit mit dem Paddel“, meint Schneider, während er mir immer mal wieder mit einer Art Rückholhaken hilft, meinen Schlingermodus Richtung Ufer zu beenden und mich mit seinem Kajak in eine gerade Bahn „abschleppt“. Im Hintergrund liegt die Fähre, die stets zwischen Altrip und Mannheim pendelt. Auf den Flüssen teilen sich Schiffe und Sportler öfters das Wasser.

Für Einsteiger bietet der Kanu-Club Kurse an, in denen man die Grundlagen des Sports zusammen mit 15 Teilnehmern lernen kann. Das geht dann schon im Jugendalter. „Ab neun Jahren, wenn die Kinder groß genug sind, können sie bei uns anfangen. Das Paddeln ist ein Familiensport. Auf dem Wasser fühlen sich eben alle wohl“, sagt Schneider. Er ist nicht nur Vorsitzender, sondern auch der Wanderwart des Vereins und führt seine Truppe mehrmals im Jahr auf Ausflüge über die Flüsse der Republik – egal ob nah oder fern. „Letztes Jahr waren wir zum Beispiel auf dem Rhein unterwegs, davor auch schon mal auf der Bins bei Strasbourg. Auch Laternen- oder Nikolausfahrten machen wir – das ist schon ein großer Spaß“, meint Claudia Lissavang. Sie hat sich inzwischen in einem der 60 Vereins-Kajaks ebenfalls aufs Wasser begeben. Bei den erfahrenen Kanuten sieht das alles spielerisch aus.

In kleiner Runde auf dem Rhein kommen die beiden ins Plaudern. „Der Rhein hier ist gar nicht mal so anspruchsvoll. Perfekt für Einsteiger“, sagt Schneider. Im Winter trainieren die gut 160 Vereinsmitglieder im Schwimmbad aber auch für schwierigere Gewässer. „Dort lernen wir dann, wie man sich auf dem Wasser in Gefahrensituationen verhält und wie man sich mit einer Kenter-Rolle aus dem Wasser drehen kann“, erzählt Lissavang. Sie selbst beherrsche die Rolle nicht. Aber Schneider zeigt die Rolle, bei der der Kajak-Fahrer ins Wasser ein- und wieder auftaucht in einer erstaunlichen Geschwindigkeit. „Körperbeherrschung und eine gut trainierte Hüfte“, sagt er und verrät das Geheimnis einer guten Rolle.

Nach gut einer Stunde auf dem Wasser geht es wieder an Land. Die Bewertung meiner Lehrer für einen Tag: zwei Daumen nach oben. „Ist in einem unserer Kurse noch ausbaufähig“, sagt Schneider und grinst. Ich bin ich mir sicher, dass es nicht das letzte Mal für mich war, dass ich in einem Kajak auf dem Rhein gesessen bin. Es ist anstrengend und doch auch entspannend. Aber dass ich Ruderer mit Kanuten verwechsle, das passiert mir nicht wieder.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 5. Oktober 2019 | Texxt: Elisia Pek | Fotos:. Lenz)

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