Gerda muss durchhalten

Die Hochstraße Süd gesperrt, verstopfte Zufahrtsstraßen, zuweilen lange Staus auf beiden Rheinbrücken – da ist die Fähre zwischen Altrip und Mannheim eine echte Alternative zur Rheinüberquerung, und viele Pendler nutzen diese Möglichkeit. Das Geschäft beim Fährbetrieb floriert. Aber Gerda und die Schiffscrew stoßen inzwischen an die Grenzen des Möglichen.

Etwa 100 Mal am Tag quert die Fähre den Rhein – damit fängt sie ganz früh am Morgen an.  (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 10.12.2019 | Text: Jutta Nitschke | Fotos: Lenz)

Ein kurzes Brummen, ein lautes Röhren und schon schwimmt Gerda selbst bei Minusgraden kurz vor 7 Uhr elegant durch den Rhein von Altrip nach Mannheim. Nur wenige Minuten später ist das Ufer vor dem Großkraftwerk in greifbarer Nähe. Für Gerda, wie die Fähre von Fährführer Steffen Robel schmunzelnd genannt wird, ist die Überfahrt nicht die erste an diesem Morgen. Seit 5.30 Uhr schippert sie unermüdlich vom linksrheinischen zum rechtsrheinischen Ufer und wieder zurück. Hin und Her. Ohne Pause. Derzeit sind dies ungefähr 100 Querungen am Tag. Auch Steffen Robel und Christian Kammerer, der die Autos einweist und Fahrkarten kontrolliert, arbeiten ununterbrochen. Und die Autokolonne auf Altriper Seite wird einfach nicht kürzer. Stoßstange an Stoßstange warten die Pendler auf die Überfahrt nach Mannheim. Auch etliche Radfahrer und Fußgänger sind dabei.

„Die Fähre ist Gold wert“, sagt Edwin Schweizer lachend. Einmal in der Woche übernachtet der sportliche Mann in Altrip und nutzt am Morgen die Rheinquerung per Wasserfahrzeug. Für ihn als Fahrradfahrer ist dies der optimale und kürzeste Weg. Auch Stephan Martin ist froh über die Fähre. Wenn der Maler- und Lackierermeister aus Ilvesheim zu Kunden in die Pfalz fährt, nimmt er das Fährboot. „Außen rum fahre ich gar nicht mehr, und hier klappt es immer sehr gut“, berichtet er. Für ihn als Handwerker sei die derzeitige Verkehrssituation eine einzige Katastrophe.

Voll! Derzeit reißt der Strom an Verkehrsteilnehmern nicht ab, die die Rheinseite wechseln wollen. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 10.12.2019 | Text: Jutta Nitschke | Fotos: Lenz)Tausende Menschen pendeln täglich zwischen Ludwigshafen und Mannheim. Manche nehmen die Bahn, das Fahrrad oder den Roller. Die meisten allerdings nutzen das Auto. Nach der Sperrung der Hochstraße Süd in Ludwigshafen im August hat sich die eh schon angespannte Verkehrssituation spürbar verschärft. Noch längere Staus auf den Zufahrtsstraßen und auf den beiden Rheinbrücken. Oft gibt es kein Durchkommen mehr. Manch einer der gestressten Pendler weicht dann auf die Fähre aus, die die Verkehrsteilnehmer zügig über den Rhein bringt.

„Wir sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Ludwigshafen und Mannheim“, sagt Jürgen Jacob, Geschäftsführer der Rheinfähre Altrip GmbH, „und wir geben unser Bestes, um die Kunden zufriedenzustellen.“ Besonders kritisch wurde die Situation, als Mitte Oktober mit kurzfristiger Vorankündigung die Kurt-Schumacher-Brücke von Mannheimer Seite aus für den Verkehr ein ganzes Wochenende gesperrt wurde. Der Fährbetrieb wurde quasi überrollt, die Besatzungsmitglieder kamen an ihre Grenzen. „Wir haben von der Sperrung erst aus der Zeitung erfahren. So konnten wir uns leider nicht rechtzeitig auf die neue Sachlage einstellen“, berichtet Jacob.

Seit der Sperrung der Hochstraße kann Jacob deutlich mehr Rheinquerungen und gestiegene Fahrgastzahlen verbuchen. „Meine Leute arbeiten am Limit“, erklärt er. Derzeit werden immer wieder Aushilfskräfte an Bord geholt, um Stoßzeiten abzufangen. Aber nicht nur die Mitarbeiter auf dem Schiff müssen mit zusätzlicher Arbeitsbelastung kämpfen. Auch für Gerda bedeutet dies einen größeren Verschleiß und einen erhöhten Erhaltungsaufwand. „Ich hoffe, dass die Fähre durchhält“, ergänzt Jürgen Jacob.

Das Schiff ist seit fast 30 Jahren im Dienst. 17 Stunden am Tag bringt es Menschen und Fahrzeuge von Rheinland-Pfalz nach Baden-Württemberg und umgekehrt. Bei Wind und Wetter ist der Fährverkehr ganzjährig in Betrieb. Nur gelegentlich kann das Schiff nicht fahren. Wenn der Rhein zum Beispiel zu wenig Wasser führt oder eine große Reparatur ansteht. Letzteres kam zum Glück noch nicht oft vor. „Unsere Gerda wird gehegt und gepflegt“, erklärt Jürgen Jacob. Jeden Tag wird überprüft, ob alles in Ordnung ist. Sicherheit geht vor.

Fährführer Steffen Robel und seine Kollegen sind im Dauereinsatz. (Quelle: DIE RHEINPFALZ - 10.12.2019 | Text: Jutta Nitschke | Fotos: Lenz)Gerd Rammelmeyer ist Stammkunde auf der Fähre. Der Zahnarzt fährt jeden Morgen von Heidelberg in seine Praxis nach Altrip und abends wieder zurück. Vor mehr als 30 Jahren wurde ihm bei den Verhandlungen über eine Praxisniederlassung in Altrip vom damaligen Ortsbürgermeister eine Brücke zwischen Altrip und Mannheim versprochen. Die Brücke wurde nie gebaut, seine Praxis hat er trotzdem eröffnet. Und fährt seitdem mit dem Fährschiff. „Ich komme zurecht und freue mich, dass es diese Art der Rheinquerung gibt“, sagt der freundliche Mann. Auch Nicole Hauck benutzt fast jeden Tag die Fähre. Seit Sperrung der Hochstraße ist sie früher als sonst unterwegs. Von der langen Warteschlange auf der Zufahrt zum Fähranleger ist sie ein bisschen genervt. „Es ist schwer, eine Alternative zu finden. Aber wenn man sehr früh unterwegs ist, klappt es ganz gut“, erklärt die junge Frau.

Fährführer Steffen Robel ist hoch konzentriert. „Jede Fahrt ist anders“, sagt der sympathische Mann. Die Passage zur sicheren Überfahrt ist eng, und er muss auf den übrigen Schiffsverkehr achten. Manchmal behindert Nebel die Sicht. Dann wird mit Radar navigiert. Die Arbeit macht ihm sichtlich Spaß, auch wenn die derzeitige Arbeitsbelastung an die Substanz geht. „Meine Kollegen und ich finden keine Ruhe mehr“, erzählt Robel.

Stundenlang herrscht Hochbetrieb beim Fähranleger in Altrip. Viele Autos haben die Kennzeichen von Ludwigshafen oder dem Rhein-Pfalz-Kreis. Mannheim und Heidelberg sind ebenfalls dabei, aber auch Esslingen, München oder Rüdesheim. Stoßstange an Stoßstange warten sie auf Gerda, die alle zuverlässig, schnell und sicher über den Rhein bringen wird.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 10. Dezember 2019 | Text Jutta Nitschke | Fotos: Lenz)

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