Nur das Bananen-Röckchen fehlt

Charleston. Blues. Jazz. Tänze aus den Goldenen Zwanzigern. Die Künstler haben Epochen geprägt. Josephine Baker zum Beispiel. Zeit, die alten Tage wieder aufleben zu lassen, beim Tanzworkshop des MGV 1867 Altrip. Romantik und Lebensfreude, Kult und Nostalgie. Ein Selbstversuch.

Die Tänzer im Altriper Reginozentrum haben an der Uhr gedreht – fast 100 Jahre zurück. Das Blues- und Charleston-Fieber greift um sich – auch bei RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Elisia Ruiz (Dritte von links). | FOTO: LENZ

Die Zeit wird zurückgedreht. Um fast 100 Jahre, um genau zu sein – und wir sind im Altriper Reginozentrum mittendrin. In die Zeit der „Roaring Twenties“ geht es zurück – in die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts. Tische und Stühle werden zur Seite geschoben – ein großer Stapel CDs und eine Musikanlage stehen bereit. Als sich alle in ihre Tanzschuhe geworfen haben, geht es auch schon los.

Obwohl mein Partner und ich schon lange tanzen, hatten wir vom Blues oder dem Charleston bisher nur gehört oder Videos im Internet gesehen. Trotzdem hat uns gerade der Blues schon immer gereizt. Schließlich ist es als großer Anhänger dieser Musik schon von Vorteil, wenn man zu der Musik richtig tanzen – und nicht nur dazu schwofen kann.

Gelernt wird natürlich nur von Profis. Unsere beiden Tanzlehrer an diesem Abend sind Vera und Rainer Walter. Sie waren früher mehr als 20 Jahre lang im Turnier-Tanzsport aktiv und wissen genau, was sie tun. Und dank einer tanzerfahrenen Truppe werden nicht nur der Grundschritt, sondern gleich mehrere Figuren, ein Damensolo oder ein Kreuzschritt gelernt. Anlass der tänzerischen Zeitreise ist die 1650-Jahrfeier der Gemeinde Altrip in diesem Jahr. Der Verein MGV 1867 Altrip bietet neben verschiedenen Workshops zu den Tänzen des vergangenen Jahrhunderts noch einen Jubiläumsball am 26. Oktober an, um die erlernten Schritte auszuprobieren. Doch dafür müssen sie erst gelernt werden.

Dazu stellen sich die Paare getrennt voneinander auf, die Lehrer erklären jede Figur Schritt für Schritt. Dann probiert sie jeder mit dem „Lieblingspartner“ aus. In der Runde herrscht eine ausgelassene Stimmung. Ausnahmslos jeder der rund 20 Tänzer hat hier Spaß – vor allem die Männer. „Schließlich dürft ihr heute endlich mal das Steuer in die Hand nehmen und mal zur Abwechslung die Frauen rumscheuchen“, scherzt Vera Walter. Dass es aber manchmal gar nicht so leicht ist, den Frauen die richtigen Signale zu geben, merken die Männer ziemlich schnell. Nur einmal den Arm zu lang gehoben und die Dame hört gar nicht mehr auf, sich zu drehen. Neben praktischen Tipps gibt das Tanzlehrer-Ehepaar außerdem Infos zum Blues und dessen Einfluss in die Tanz- und Musikszene. So habe man die Schritte des Blues nur erfunden, um sich auch auf eigentlich „untanzbare“ Musik bewegen zu können, erklären sie. Zu solch langsamen Klängen von Glenn Miller, Louis Armstrong und auch Michael Bublé schwingt der Tanzkreis dann gut zwei Stunden über das Parkett. Und wir schwingen eifrig mit.

Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es weiter zum Charleston. Dieser Tanz habe nicht nur die Mode, sondern auch bekannte Persönlichkeiten geprägt. Allen voran Josephine Baker – die Frau mit dem Bananen-Röckchen. Nun liegen zwischen diesen geschmeidigen Bananen-Röckchen-Bewegungen und unserer Tanztruppe nicht nur fast 100 Jahre – sondern definitiv auch ein paar Ausdauersport-Stunden. „Tja, wenn ihr fünf Minuten Charleston am Tag tanzt, habt ihr Minimum fünf Kilo weniger auf der Waage“, verspricht Rainer Walter.

Die nächste Stunde wird gekickt, getwistet und ordentlich mit den Schultern gewackelt. Vielleicht nicht so geschmeidig wie Frau Baker, aber sicher mit genauso viel Freude am Tanzen. „Das hat wahnsinnigen Spaß gemacht – diese Koordination war richtiges Training fürs Gehirn“, meinen unsere Mittänzer Heike und Jürgen Bast am Ende des Workshops. Der gleichen Meinung sind auch die Realschullehrer Christin Wagenknecht und Iliadis Joakim. „Wir haben Blut geleckt“, sagen sie beim Rausgehen. Und auch mein Partner und ich sind seit dem Wochenende noch mehr im Blues- und Charleston-Fieber. Und wir sind überzeugt: Die nächste Zwanziger-Jahre-Motto-Party kann definitiv kommen.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 12. Februar 2019 | Von Elisia Ruiz)
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