Als tausend Zwerge aus dem Nebel kamen

Dichter Nebel waberte vor den Fenstern, als Fährmann Hook sich endlich zu seinem wohlverdienten Nachtessen niederließ. Wie immer im späten Herbst hatte er einen harten Tag gehabt, schließlich musste die Ernte übergesetzt werden und auch die Vorräte für den Winter; aber jetzt war sein Tagewerk für heute geschafft. Es ging auf Mitternacht zu und bei dieser schlechten Sicht wollte Hook ganz bestimmt nicht nochmal hinaus, und schon gar nicht auf den Rhein. Doch da klopfte es plötzlich an die Türe...

Nebel und nahende Geisterstunde – so beginnen viele Gruselgeschichten und Sagen aus dem Landkreis. Auch diese aus Altrip, die allerdings bis zu diesem Punkt eine kräftige Portion Wahrheit in sich trägt. Denn die Fähre gehört zu Altrip wie die Butter aufs Brot; und der Name Hook ist auch heute im Ort weit verbreitet und beinahe untrennbar mit der Insel-Gemeinde verbunden.

Tatsächlich mag es den Fährmann Hook gegeben haben – zu welcher Zeit die Sage entstanden ist, lässt sich jedoch schwer bestimmen. Vermutlich hat es an der relativ seichten Rheinpassage zwischen Altrip und Rheinau schon sehr lange, wahrscheinlich seitdem die ersten Menschen dort ansiedelten, einen Fährbetrieb gegeben. In der Sage ist von einem Holzkahn die Rede, in dem sich der Fährmann vom Ufer „abgestoßen” hat. Es ist gut möglich, dass das damals die Technik war, über den Fluss zu setzen. Verbrieft ist, dass Altrip im Jahre 1898, also vor knapp 200 Jahren, sein offizielles Fährrecht bekam. Damals ging die so genannte „Gierfähre” in Betrieb, die an einem Seil über das Wasser geführt wurde. Erst 1958 startete die Übersetzung ans badische Ufer mittels der auch noch heute brav tuckernden Motorfähre.

Vieles ist also dran an der Legende vom Fährmann Hook – nur der Rest der Geschichte, nun, der mag von vielen getrost ins Reich der Legenden verwiesen werden. Aber wer weiß – verwunschen ist die Gegend um das Rheinufer in Altrip auf jeden Fall: mit ihren sumpfigen Wiesen, dem dichten Gestrüpp, den knochig-alten Bäumen und ihren unergründlichen Altwässern. Jedenfalls berichtet die Sage, die Viktor Carl in seinem Buch „Pfälzer Sagen” festgehalten hat, dass es zwei auffällig kleine, verhüllte Männlein waren, die beim Fährmann Hook angeklopft und um eine Überfahrt gebeten hatten. Hook war wirklich sehr, sehr müde, aber es war nun mal sein Beruf, Menschen über den Fluss zu bringen. Also konnte er die Bitte nicht abschlagen und schleppte sich noch einmal zum Kahn hinüber. „Gerade wollte er abstoßen”, heißt es bei Carl, „da hielten ihn die beiden zurück.” Der Nebel war inzwischen noch dichter geworden, so dass Hook überhaupt nichts mehr sehen konnte. Nur seine Ohren glaubten, ein stetiges leises Getrippel wahrzunehmen, ja, er meinte auch, mit der Fähre immer tiefer einzusinken. Schließlich nahm eine Welle die schwere Fracht mit, und wohlbehalten landete Hook mit seinen zwei unheimlichen Gesellen am anderen Ufer. Nur entlohnt musste er noch werden.

Da soll einer der zwei wundersamen Fahrgäste gefragt haben, ob er lieber einen Sack Salz oder das pro-Kopf-Fahrgeld haben wollen. Hook entschied sich für das Salz und dachte noch, schlau zu sein – schließlich sei das mehr wert als das Geld für zwei Fahrgäste. Doch da sagte das kleine Männlein ihm, er solle sich doch mal umdrehen. Und Hook sah mit Erstaunen, dass er ein ganzes Zwergenvolk über den Rhein gebracht hatte, das nun lautlos in Richtung der Rheinauer Sandberge verschwand...

Heute dürfte es schwierig sein, unbemerkt eine ganze Zwergenhorde mit auf die Fähre zu nehmen. Hunderte von Bürgern nutzen jeden Tag diese Gelegenheit, schnell und unkompliziert ans andere Ufer zu gelangen – und das von morgens um fünf bis Mitternacht. In den Stoßzeiten ist der Andrang sogar so hoch, dass man Wartezeiten einkalkulieren muss; und selbst an Weihnachten tun die Fährleute ihren Dienst. Auch nachts, nach Mitternacht, finden Zwerge eher schwierige Bedingungen vor. Denn dann passt Nachtwächter Wolf Herbert, der bis 4.40 Uhr Schicht schiebt, auf Altrips wertvollstes Transportmittel auf. Obwohl wahrscheinlich kein Altriper Fährmann heute noch einen Sack Salz wählen würde, wenn nachts im Nebel kleine Männlein nach dem gewünschten Lohn fragten... Zwerge hin oder her. (lit)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Marktplatz regional - 12. Mai 2004)