Schmiedefeuer nach 100 Jahren erloschen

Wenn Hermann Baumann, der Schmiedemeister aus Altrip, von seiner Dorfschmiede spricht, dann kommt er ins Schwärmen. Als vor 100 Jahren der Dorfschmied der Rheingemeinde starb, sah Baumanns Großvater Wilhelm, der vom Württembergischen kommend gerade in Rheinau arbeitete, eine große Chance für sich. Selbstständig und sein „eigener Herr” sein, wie schon Vater und Bruder, das war auch sein Ziel, zumal er gerade vor der Familiengründung stand.

Der Amboss des letzten Altriper Dorfschmieds Hermann Baumann hat ausgedient. | FOTO: SCHNEIDERHermann Baumann, der wie schon sein Vater Georg beim Großvater in die Lehre ging und Huf- und Wagenschmied lernte, schließt anlässlich seines 70. Geburtstags Ende Mai den Schmiedebetrieb. Die Familienchronik weiß zu berichten, dass der Großvater in erster Linie für die Landwirtschaft und das heimische Gewerbe arbeitete. Alles, was der Landmann zu Beginn des letzten Jahrhunderts so brauchte, sei es Pflüge oder Eggen, stellte Wilhelm Baumann her. Feuerschweißen war damals angesagt. Die Arbeit war, wie auch noch für den Sohn und Enkel, körperlich sehr schwer.

Ein Pferd zu beschlagen, bedeutete früher, auch das Hufeisen anzufertigen, während heutzutage die „Pferdeschuhe” industriell vorfabriziert werden. Der Hufschmied musste früher zunächst das alte Eisen vorsichtig entfernen, die Hufnägel mit der Zange herausziehen, das neue Eisen erhitzen und auf dem Pferdehuf einbrennen sowie anschließend nageln. Kenntnisse in Huf- und Klauenpflege konnten aus einem lahmenden Gaul ein gutes Zugpferd machen.

In der ersten Generation der Schmiede gehörten auch der Wagenbau und die Herstellung von Schneidegeräten zum Angebot des Betriebs. Klingen wurden geschärft, indem sie erhitzt und dann mit Wasser „abgeschreckt” wurden. Und vom Bartschlüssel bis zu Kunstschmiedearbeiten gaben die Altriper auch reichlich Aufträge. Schon bald betätigten sich die Baumann-Schmiede in der Gemeinde auch ehrenamtlich. So war der Seniorchef nahezu zehn Jahre im Gemeinderat und Sohn Georg lange Jahre Feuerwehrkommandant, wurde gar Ehrenkommandant, war Innungsobermeister, und alle drei Baumänner sangen jahrzehntelang bei der Altriper „Sänger-Einheit”.

Hermann Baumann weiß ferner zu berichten, dass auf zwei Meter tief in das Erdreich eingelassenen Betonklötzen von der Schmiede Vermessungspunkte für die früher ersehnte Altriper Rheinbrücke auf der Prinz-Carl-Wörth-Insel und im Waldpark gesetzt wurden. Auch für Siemens-Kraftwerkbau schufen die Dorfschmiede die Rangierverteiler. Mit einer fahrbaren Feldschmiede wurden außerhalb von Altrip Pferde beschlagen. Allein Hermann Baumann und sein Vater bildeten 65 Lehrlinge aus, und fast alle haben auch ihren Meister „gemacht”. Einer, so berichtet der letzte Altriper Hufschmied, hat es gar zu einem Metallbetrieb mit 2000 Beschäftigten gebrach..

Die Altriper Schmiede zählte 1989 mit zwölf Mitarbeitern zu den größeren Betrieben. Mit seiner Frau Brigitte, die er 1959 heiratete, hat Baumann zwei Töchter. Christine lernte bei ihm das Familienhandwerk und legte 1989 als bis dahin einzige Frau in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg die Schlossermeisterprüfung ab. Der Meisterbrief wurde ihr damals von Minister Jürgen Möllemann ausgehändigt. Doch zur Geschäftsübernahme kam es nicht. So endet nun die lange Tradition der letzten Dorfschmiede in Altrip.

Die bedeutende gesellschaftliche Stellung, welche der Schmied schon bei den Römern einnahm, wird daraus ersichtlich, dass Vulcanus als Gott der Schmiede zugleich der Schirmherr aller anderen Handwerker ist. Und wohl aus Anhänglichkeit zu den alten Römern hat Hermann Baumann in seinem Anwesen noch einen Säulenstrumpf aus dem Kastell „alta ripa” für die Nachwelt gerettet.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 2. April 2004 | Von Wolfgang Schneider)