Als die Salmengründe noch voll waren

"Am Rhein sind wir geboren; der Rhein gibt uns Brot; dem Rhein sind wir verbunden – bis in den Tod.”

Was sich heute eher pathetisch anhört, entsprach früher der Realität – und deshalb sprach in Altrip eine Zeit lang jedes frisch vermählte Brautpaar diese Worte. Und nicht nur das: Wie der Ortshistoriker Wolfgang Schneider dokumentierte, streute die Braut anschließend Blüten auf das Rheinwasser, um den wilden Fluss zu besänftigen. Und ihr Gatte warf einen Stein, so weit er konnte – damit wollte er den Fluten seine Stärke beweisen.

Warum der Rhein für die Orte Altrip, Otterstadt und Neuhofen so wichtig war, liegt auf der Hand: Die Fischerei gehörte zu den Haupterwerbszweigen und ernährte die Bewohner weitgehend. In Altrip waren die Fischer sogar zu einer eigenen Zunft zusammen geschlossen, die sich um den Erhalt und die Pflege der Fischbestände kümmerte und ihre Rechte und Interessen gegenüber der Obrigkeit vertrat.

Die Fischgründe von damals sind mit denen von heute nicht mehr zu vergleichen. Durch die Rheinbegradigung sind nicht nur die Hochwasser, sondern ebenfalls die Bestände an wertvollen und nährreichen Speisefischen zurück gegangen – auch wegen der sehr viel schnelleren Fließgeschwindigkeit des Wassers. Noch 1831 schrieb der Zeitgenosse Georg Friedrich Kolb, dass es im Rhein „sehr wohlschmeckende Karpfen, Salme, Störe und Hechte” gebe. Die Störe waren meist der feineren Gesellschaft vorenthalten und wurden beispielsweise ans Heidelberger Schloss geliefert. Die Salme jedoch waren „der eigentliche Brotfisch”, wie Roland Paul es in „Alte Berufe am Rhein” auf den Punkt brachte.

Auf alten Karten vom Rhein sind die zahlreichen Salmengründe, die sich damals vor allem in den Altwassern fanden und von denen viele durch die Rheinbegradigung verschwanden, eingezeichnet. Gefischt wurde außerdem auch im Winter in den so genannten Eisbrüchen, also zugefrorenen Altwassern, in die dann ein Loch geschlagen wurde. Die Salme allerdings kamen nur im Frühjahr an den Oberrhein. Die Fischerei war streng geregelt: Nicht jeder durfte, wo er wollte.

Die Pfalzgrafen ließen ab 1575 immer wieder „Rheinprotokolle” anfertigen: Einige Männer befuhren zusammen die Strecke Worms-Speyer und machten sich Notizen über die Fischgründe und Auwälder, aber auch über Jagdrechte und Goldgründe. Dies musste deshalb stets aufs Neue gemacht werden, da der Rhein vor seiner Begradigung immer wieder seinen Lauf veränderte und neue Altwasser und Verschlingungen entstanden.

Die Protokolle sind für die Geschichtsschreibung wertvoll, denn anhand der Aufzeichnungen bekommt man eine Vorstellung, wie die Rheinlandschaft damals aussah. Ein detailliertes Protokoll aus dem Jahre 1580 ist der Nachwelt überliefert. Der Leser erfährt neben vielen Einzelheiten zum Beispiel, dass es „Vom Seilheck herüber, fast mitten im Rhein, doch etwaz neher uff Otterstatter seiten, hatts ein salmengrundt, haist die Nachtgall, wird von Speierischen gnuzt, und von Otterstatter seiten auß gefahren”. Protokolliert wird hier auch der damalige starke Rheinbruch auf der Otterstadter Seite und die großen Krümmen Neuhofen-Altrip.

Gefangen wurden die Salme im Mittelalter und davor wahrscheinlich mit einer dreizinkigen Gabel – zumindest hat man eine solche aus der Römerzeit in der Nähe von Speyer gefunden. Später war die „Salm-Wippe” das übliche Gerät: Zwischen Schlagbäumen hing ein Netz, das ins Wasser gesenkt und dann hoch gewippt wurde.

Doch im 19. Jahrhundert sorgte nicht nur die zunehmende Industrialisierung und die damit verbundene Umweltverschmutzung dafür, dass die Fischerei mit dem langsamen Verschwinden der Salme zurück ging. Durch die Rheinbegradigung wurde auch der Ackerbau immer attraktiver und die Fischerei als Haupterwerb zurück gedrängt. Dennoch gab es im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts jeweils in Otterstadt und in Neuhofen noch zwei Fischereigeschäfte. In dieser Zeit wandte man sich einem anderen Fisch zu: dem robusteren, widerstandsfähigerem Aal, der von der Sargasso-See im Atlantik seinem Instinkt folgend zu den Flüssen schwimmen und sich im Brackwasser der Mündungen zu durchsichtigen Schlänglein verwandelten.

Die Umweltverschmutzung konnte den Flussaalen nicht viel anhaben, und so fasste auch in der Pfalz die Aalschokkerei Fuß, wurde hier knapp fünf Jahrzehnte ausgeübt. 1925 gab es bereits 125 Aalschokker in der Pfalz, 1937 waren es 200. Dazu gehörte unter anderem auch der Berufsfischer Jakob Schneider aus Altrip, der sich 1926 seinen Schokker „Norbert” kaufte und mit diesem unregelmäßig auf Aalfang ging. Seine Liegeplätze, so Friedrich Rödelsperger in seinem Buch „Aalschokker”, waren am „Retzerbaum” und beim „Weißen Häusl”. Auch zwei andere Altriper hatten das Recht auf Aalfischerei – ob sie selbst mit Schokkern unterwegs waren oder sie verpachtet hatten, ist allerdings nicht bekannt.

Heute wird die Aalschokkerei nicht mehr praktiziert; allerdings ist in Speyer noch ein Aalschokker namens „Paul” zu bewundern. Der Speyerer „Round Table” hat ihn erworben und von der Stadt restauriert lassen. Heute liegt er am südlichen Ende der Speyerer Rheinpromenade an Land.

Die Zeiten, in der Brautpaare durch Rituale den Rhein zu besänftigen versuchten, sind also vorüber. Dennoch wird das Wasser des Flusses von Jahr zu Jahr besser. Vielleicht gibt es also bald wieder Salmengründe...

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ma - 14. April 2004 | Von Bettina Belitz)