Aus „zweiter Wahl” wird Freundschaft

Partnerschaft mit Wiehe in Thüringen entstand über Umwege - Aufbauarbeit geleistet

Man könnte es eine Zufallsbekanntschaft nennen. Wiehe und Altrip verbindet seit Jahren eine gelebte Partnerschaft, doch anfangs war die Rheingemeinde eigentlich „zweite Wahl”.

Ludwigshafen war ursprünglich von den Stadtverordneten in Wiehe als Partnerstadt auserkoren worden. Doch der damalige Oberbürgermeister Schulte fand, dass zu dem 4500 Einwohner zählenden Ort besser eine Gemeinde aus dem Kreis passen würde und rief im Altriper Rathaus an. Dort war das Vorhaben aus Wiehe willkommen.

1200 Jahre lange Geschichte

Am 3. Oktober 1990 trafen sich zum ersten Mal offiziell Bürger aus Altrip und Wiehe und waren sich gleich sympathisch. Imposant erschien den Altripern auch die lange Geschichte des Ortes. 1986 wurde das 1200-jährige Bestehen gefeiert. Reste der Stadtbefestigung mit Wehrturm stehen heute noch. Die St. Bartholomäuskirche stammt von 1659. Auch die Salier waren einmal Herren über Wiehe gewesen. In der Mitte des 11. Jahrhunderts gehörte ihnen Burg und Herrschaft als Reichslehen. Wiehe wurde unter König Heinrich I. Reichsburg und kam 998 an das Kloster Memleben. Sogar Wein wurde damals schon angebaut. Die Grafschaft Wiehe umfasste die Stadt Wiehe und 20 Dörfer, ferner drei Burgen und drei Klöster. Kurzzeitig besaßen sie auch das Münzrecht, wie Münzfunde belegen.

Zerstörung nach Großbrand 1659

Etliche hohe Herren aus adligem Haus wechselten sich als Besitzer ab, auch ein Schloss als würdiges Domizil gab es, das allerdings bei einem Großbrand im Jahr 1659 zerstört. Bei diesem Brand wurde auch die Stadt zerstört, danach wurde Wiehe neu aufgebaut. Nach dem Ort benannte sich auch ein gleichnamiges ritterliches Geschlecht „von Wiehe”. Als die Altriper Delegation zum ersten Mal ihre künftige Partnergemeinde in Thüringen besuchte, war der Nachlass der DDR allerdings noch allzu lebendig.

Von der glorreichen Vergangenheit, als Wiehe eine Reichsburg hatte und König Otto I. hier feierlich eine Urkunde ausstellte, war nichts zu spüren. Die Besucher stellten mit Erschrecken fest, in welch schlechtem Zustand die Infrastruktur nach der Wende war.
Zwischen den Gemeinden entwickelte sich ab diesem Zeitpunkt ein intensiver Austausch auf Verwaltungsebene. So leisteten Mitarbeiter aus dem Altriper Rathaus mehrere Jahre lang Aufbauarbeit in Sachen Verwaltung, berichtet Jürgen Jugenheimer, Organisator und Mitstreiter der Partnerschaft. „Wir haben dort eine Verwaltung nach westlichen Maßstäben aufgebaut”, berichtet Jugenheimer, der selbst auch vor Ort war. „Eine schwierige, aber interessante Zeit”, zieht er Bilanz.

Tatkräftige Unterstützung

Doch damit allein war es für die Altriper nicht getan. So unterstützten Ärzte und Apotheker die Partnergemeinde mit Geräten und Medikamenten für das so genannte „Ambulatorium”. Mittlerweile hat sich laut Jugenheimer vieles in Wiehe gebessert. Ein großer Industriepark mit gewerblichen Ansiedlungen sorge für Arbeitsplätze, berichtet Jugenheimer. Touristisch vermarkten lässt sich obendrein noch ein großes Modellbahnmuseum, das viele Tagesgäste bringt. „Wiehe hat die Wende hervorragend überstanden, wirtschaftlich geht es gut voran”, freut sich Jugenheimer.

Auch die partnerschaftlichen Beziehungen wachsen und gedeihen. 2001 wurde das zehnjährige Bestehen der Partnrschaft in Altrip gefeiert. 60 Bürger aus Wiehe kamen angereist. Bürgermeister Willi Kotter enthüllte auf dem Partnerschaftsplatz einen Gedenkstein zu Ehren von Wiehe und der zweiten Partnergemeinde Petit Rederching. Die Anreise in den 400 Kilometer entfernten Ort lohne sich nur für Mehrtagesfahrten.

Daher fahren Vereine wie die Naturfreunde oder Sportvereine gleich für mindestens drei Tage nach Wiehe, so Jugenheimer. Auch Bürgermeister Jacob hat per Motorrad schon Besuche absolviert, begleitet von Altripern auf schweren Maschinen. Jugendliche aus beiden Gemeinden nehmen zudem an einem jährlichen Zeltlager teil.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 24. September 2008 | Von Mechthild Möbus)