Die Sage „Männlein von Altrip”

Die Geisterwelt stellt in den Sagen oft eine Bedrohung dar. Doch Geister können den Menschen auch wohlgesonnen sein und ihnen Gutes tun, allerdings nur dann, wenn die Menschen auch die Gesetze und Regeln der Geisterwelt respektieren und ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts angehen. Von dieser „bestraften Neugier” handelt eine Sage aus Altrip, die die Ludwigshafener Dichterin Hedwig Laudien aufgeschrieben hat und den Titel „Die Männlein von Altrip” trägt.

Schauplatz ist das Wirtshaus „Zum Karpfen”, das auch heute noch besteht, auch wenn es des Öfteren die Pächter gewechselt hat. Am Bartholomäustag stand die Wirtin einst noch spät am Abend allein am Herd. Da ging die Tür auf und ein kleines Männchen kam herein. Die Wirtin wunderte sich über den Besuch und noch viel mehr, dass das Männlein eine Bitte äußerte. Es wollte einen kupfernen Kessel über Nacht ausleihen. „Wenn du mir den Kessel unbeschädigt und gesäubert zurückbringst, so magst du ihn haben!” Der Zwerg gab sein Versprechen.

Die Wirtin ließ die Tür offen und am nächsten Morgen stand der Kessel an seinem alten Platz in der Küche. An der Innenseite entdeckte die Wirtin zu ihrem Erstaunen und ihrer Freude Goldkörnchen - das war die Belohnung der Zwerge für die Gutmütigkeit der Wirtin. Jedes Jahr am selben Tag wiederholte sich der Vorgang. Als der Sohn die Wirtschaft übernahm, waren auch ihm die Geister zugetan.

Seine erste Frau war verschwiegen, aber die zweite wollte unbedingt hinter das Geheimnis der Männlein von Altrip kommen. Sie versteckte sich hinter den Weidenbüschen am Rheinufer und sah den Zwergen zu, die um den geliehenen Kessel tanzten, einen Becher in der Hand, aus dem sie hin und wieder einen Schluck nahmen. Dabei rieben sie sich ihre dicken Bäuche und warfen ihre Mützen vor Freude in die Luft. Die Lauscherin konnte sich bei diesem komischen Anblick nicht beherrschen und lachte laut hinaus. Die Zwerge waren ganz plötzlich verschwunden. Zwar stand der Kessel am nächsten Tag wie gewohnt wieder auf seinem Platz, aber leider ohne Goldkörnchen. Von da an kamen die Zwerge nie wieder.

(Wolfgang Schneider - 2008)