Kamikaze-Flieger und Larven mit Turbo-Antrieb

Die Rheinauen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Die alten Fluss-Schlingen, in denen sich der Strom früher gemächlich gen Meer wälzte, sind mit ihren pflanzenreichen Uferstreifen heute die Kinderstube für viele Arten von Fischen, Vögeln und Insekten. Die Vielfalt an Kleingetier wiederum zieht andere Lebewesen in die warmen Feuchtgebiete.

Wer an einem heißen Tag seine Mittagspause für einen Kurzurlaub nutzen möchte, der muss in Ludwigshafen nur an den Bahnhof gehen und für einen Moment die Augen schließen. Da sind die Züge, deren Rumpeln die Reise-Sehnsucht nährt, doch vor allem ist da allenthalben dieses intensive, helle Zirpen, das den Fernweh-Patienten augenblicklich in italienische Pinienwälder zu versetzen vermag. Denn in Batallionsstärke hat sich im Hauptbahnhof der Chemiestadt die südliche Grille angesiedelt, erzählt Tom Schulte von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (GNOR).

Der lautstarke Zuwanderer aus mediterranen Gefilden nutze die trockenen Streifen an den Schienen als Sekundärlebensraum, erklärt der Biologe. Auch heimische Arten weichen in solche künstlich geschaffenen Biotope aus, wenn sie aus ihren angestammten verdrängt werden. Die grüne Strandschrecke und die blaugeflügelte Sandschrecke waren früher auf den Sandbänken des mäandernden Rheins zu Hause. „Sie sind Spezialisten für die Primärbesiedelung solcher vegetationsarmer Lebensräume.” Hier legten sie ihre Eier im Spätjahr in den Boden, und im nächsten Frühjahr schlüpfte der Nachwuchs. Nachdem der Rhein jedoch in ein festes Bett gezwungen wurde, liegen Sandbänke nicht mehr lange genug trocken. Das Ergebnis: Beide Arten sind inzwischen vom Aussterben bedroht. Doch zum Glück können sie kilometerweit fliegen und haben sich vor allem an Baggerseen angesiedelt.

Vielen Insekten macht der Schwund ihrer Lebensräume zu schaffen, sagt Schulte. Am Strom habe es früher viele wechselfeuchte Extremstandorte von nass bis staubtrocken zwischen den überschwemmten Auwäldern und den Binnendünen mit ihren mageren, vegetationsarmen Böden gegeben. Doch sie verschwinden zunehmend. Die Silberweidenaue sei das gefährdetste Biotop überhaupt. „Der Rohstoff Kies hat viele Auwälder gekostet.” Es gebe kaum noch Wasserstandorte, und die wenigen seien auch noch mit Pappeln bepflanzt worden. Die Binnendünen hingegen werden heute bewässert und für den düngerintensiven Spargelbau genutzt. So seien viele Heuschreckenarten selten geworden, wenn auch nicht ganz verschwunden wie so mancher Schmetterling.

Extrem gefährdet ist Schulte zufolge der Hirschkäfer, dessen Larven jahrelang in abgestorbenen Eichen hausen. „Er hat seinen klaren Verbreitungsschwerpunkt in der Oberrheinebene.” Doch auch Eichenwälder werden selten. Doch wie der Altriper Landespflegebeauftragte Heiko Kotter bestätigt, hat man zudem festgestellt, dass sich Eichen zurzeit nicht mehr selbständig vermehrten. So müssten eigentlich Lebensräume künstlich geschaffen werden, sagt Schulte und verweist auf die europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinien.

Spezialisiert auf die Lebensbedingungen der Auen hat sich eine Regenwurm-Art: Sie gräbt sich eine hakenförmige Röhren, die selbst bei Überschwemmungen trockene Refugien bietet. Alle normalen Regenwürmer müssen bei Hochwasser kläglich ertrinken – dann könne man sie in Massen über die Straßen flüchten sehen, erzählt Schulte. Von den Gliederwürmern sind außerdem etliche Egel in den Rheinauen zu Hause, ergänzt Kotter. An Wirbeltiere wie den Menschen machte sich früher der medizinische Blutegel heran, der allerdings heute verschwunden ist und gezüchtet werden muss. Doch andere Artgenossen wie der Pferdeegel laben sich an Wasservögeln und Fischen.

Käfer stürzen sich ins Wasser

Unter Wasser verbringt auch die Wasserspinne ihr Dasein: Sie baut sich ein Glocke, in die sie in ihrem Fell Luft hinunter transportiert. Die Piratenspinnen hingegen laufen über die Wasseroberfläche auf der Suche nach Beute. Ebenso der Taumelkäfer, dessen Augen zweigeteilt sind, angepasst an den Brechungsindex über und unter Wasser. Der recht große Gelbrandkäfer ist der reinste Kamikaze-Flieger und lässt sich gerne kopfüber aus der Höhe ins Wasser plumpsen. Das wird ihm allerdings zum Verhängnis, wenn er die flimmernde Asphaltdecke oder Pflanzenfolie mit Wasser verwechselt.

Auch etliche seltene Libellen-Arten haben in den Auwälder ihren Schwerpunkt. 2003 war ihr Jahr. Was der Amphibien Leid, war der Insekten Freud: Der sehr trockene und heiße Sommer habe sie wieder in Massen schlüpfen lassen: die zierliche Moosjungfer, den Zweifleck und den Spitzfleck, alles extrem seltene Großlibellen. Ihre Larven haben eine Art Turboantrieb, mit dem sie im Wasser durch einen Rückstoß schnell vor Fressfeinden flüchten.

Zurückgekehrt in den Landkreis ist die grüne Keiljungfer, die ihre Eier in Flachlandgewässer wie den Speyerbach ablegt. Vor Jahren noch war die Lauter in der äußersten Südpfalz ihr letztes Refugium in ganz Südwestdeutschland, nachdem ihr Lebensraum zunehmend beschränkt worden war. Die Strukturmaßnahmen der letzten Jahre hätten ihr geholfen, ist sich Schulte sicher.

Vom Aussterben bedroht, doch mittlerweile wieder im Landkreis Ludwigshafen zu Hause: die grüne Keiljungfer. | ARCHIVFOTO: NATURPARK OBERPFAELZER WALD

Überhaupt reagierten Insekten schnell auf Veränderungen in ihrer Umwelt. „Den Klimawandel sieht man an ihnen sehr gut.” Der Warzenbeißer habe sich komplett ins Bergland zurückgezogen. Dafür breiteten sich südliche Arten den Rheingraben aufwärts aus. Heimchen etwa, die ursprünglich aus Indien stammen, überschwemmen das ganze Land – früher konnten sie sich nur in Häusern oder an Mülldeponien halten.

Doch vor allem: Denke ich an die Auen in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Um das Überleben der Plagegeister muss sich kein Biologe sorgen – selbst angesichts der Feldzüge zur Schnakenbekämpfung. Allerdings, so Schulte, hatten die Mücken nicht nur eine Funktion in der Nahrungskette, sondern auch als Naturschutzpolizei. Während sich vor 20 Jahren angesichts der Mückenschwärme kaum jemand ans Wasser verirrte, „ergießen sich jetzt ganze Heerscharen von Wochenendausflüglern in die Rheinauen”. Daher gibt es nur noch wenige ungestörte Brutstätten für Vögel.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 12. August 2003 | Von Birgit Möthrath)

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