Nächtliche Fressorgien sichern den Winterspeck

Die Rheinauen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Die alten Fluss-Schlingen, in denen sich der Strom früher gemächlich gen Meer wälzte, sind mit ihren pflanzenreichen Uferstreifen heute die Kinderstube für viele Arten von Fischen, Vögeln und Insekten. Die Vielfalt an Kleingetier wiederum zieht andere Lebewesen in die warmen Feuchtgebiete.

Über Wassern und Wiesen der Rheinauen surrt und brummt es tagein tagaus. Das hat nicht nur die Mückenwehr der KABS (Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnaken) auf den Plan gerufen. Das emsige Treiben zieht auch viele natürliche Jäger an einen reich gedeckten Tisch. Den tagaktiven Insekten stellen Vögel nach, nach Sonnenuntergang macht sich dagegen die Fledermaus auf Beutezüge.

Jede Nacht müssen die Flug-Säugetiere ein Drittel ihres Körpergewichts vertilgen, um sich Reserven für den Winter zu schaffen, erzählt Franz Grimm vom Arbeitskreis Fledermausschutz Rheinland-Pfalz. Und man könne sich leicht vorstellen, wie viele Mücken für zwei Gramm Insekten zusammengetragen werden müssen. So viel putzen selbst die ganz kleinen Fledermäuse weg, große Exemplare bringen es sogar auf zwölf Gramm am Tag und zwei Kilogramm im Jahr. Bei ihrer wilden Jagd durch die Dunkelheit orientieren sich die Flug-Künstler durch Ultraschallrufe.

Nur so groß wie ein Daumennagel ist die Zwergfledermaus, die sich gerne hinter Fassadenverschalungen versteckt. | FOTO: PRIVATDas große Mausohr schlägt seine Wochenstube gerne in großen Dachspei- chern auf. | ARCHIVFOTO: VAN

Durch Insektengift dahingerafft

Fledermäuse gelten in Deutschland als stark gefährdet, nach dem Krieg wurden 80 Prozent ihres Bestands durch das Insektengift DDT dahingerafft. Inzwischen sei die Zahl der Fledermäuse wieder stabil. „Doch um auf den Bestand bis vor dem Krieg zu kommen, wird es noch etliche Generationen dauern”, sagt Grimm. Manche Arten wie die kleine und die große Hufeisennase, die es früher häufig gegeben habe, werde wohl nicht mehr zurückkehren. „Sie wollen eine reich strukturierte Landschaft, die bei uns durch die Flurbereinigung zerstört wurde.”

Die nächsten Verwandten der Flattertiere sind keineswegs die Mäuse, sondern Igel und Maulwurf. 23 Arten seien in Deutschland heimisch, 20 davon in Rheinland-Pfalz, berichtet Grimm. Blut kann keines der als Vampire verschrieenen Tiere saugen. In den Rheinauen finden sich vor allem das Mausohr und das braune Langohr, der kleine und der große Abendsegler sowie die Wasser-, Bechstein, Fransen-, Zwerg und Mückenfledermaus.

Allerdings werden die Refugien auch für sie immer seltener. „Früher hatte jeder einen Stall, heute verfallen die Scheunen oder werden zu Wohnräumen umgebaut”, sagt Grimm. Vor 50 Jahren habe man noch in fast allen Dachböden der Kirchen in Rheinland-Pfalz Mausohrkolonien gefunden. Vielerorts seien sie aus Unwissenheit ausgesperrt oder aus Aberglauben erschlagen worden. Die Tierschützer appellieren daher an private und öffentliche Hausbesitzer, die Speicher durch kleine Öffnungen zugänglich zu machen.

Den Insektenreichtum der Auwälder nutzen die Fledermäuse vor allem als Nahrungsquelle. „Zwischen Tagesquartier und Jagdrevier können einige Kilometer liegen”, erzählt Grimm. „Je vielfältiger die Biotoparten, desto breiter gefächert ist auch das Nahrungsangebot.” Und mit Wald, Wiesen und Wasser sind die warmen Gefilde der Rheinauen sehr abwechslungsreich.

Um das Höhlenangebot im Jagdrevier zu erweitern, hängen Tierschützer Kästen als Tagesschlafquartiere auf. Natürlicherweise hängen sich Fledermäuse mit den Beinen nach oben in Baumlöchern auf. Manche Arten akzeptieren auch Nistkästen für ihre Wochenstuben.

Für Störungen sehr empfindlich

Während die Fledermäuse normalerweise selten zweimal im selben Quartier Tagschlaf halten, suchen sie für den Winterschlaf und für die Aufzucht ihrer Jungen ein festes Zuhause: Je nach Art kann das ein Dachspeicher sein (bei den großen Mausohren) oder die enge Spalte zwischen einer Holzverschalung und der Giebelwand (bei den winzigen Zwergfledermäusen). Hier bilden die Weibchen zwischen Mai und Juli Wochenstuben mit bis zu 50 Tieren und bringen ein Junges zur Welt, das gesäugt wird. In dieser Zeit sind die Fledermäuse Grimm zufolge für Störungen sehr empfindlich. Die Jungtiere kommen blind und nackt zu Welt und brauchen an die sechs Wochen bis zum ersten Flugversuch.

Für ihren Winterschlaf zwischen Ende Oktober und April bevorzugen Fledermäuse dagegen unterirdische, frostfreie Quartiere mit hoher Luftfeuchtigkeit wie Erdkeller und Höhlen. Dorthin legen sie zwischen 50 und 1500 Kilometer zurück.

Da sich die Fledermäuse nicht von ihren angestammten Quartieren umsiedeln lassen, ist den Mitarbeitern der Fledermausschützer sehr an der Aufklärung betroffener Herbergseltern gelegen. So mancher hat schon bei Grimm angerufen in der Furcht, die Zwergfledermäuse unter seiner Hausverkleidung könnten Kabel anbeißen. Dann besucht Grimm die Fledermaus-Herberge – und wenn er wieder fährt, sind die meisten Leute geradezu stolz auf ihre Schützlinge und nutzen den trockenen Kot, der aus den Chitinpanzern der Insekten besteht, als Dünger. Hilferufe ereilen die Tierschützer auch, wenn sich ein Tier auf dem Weg ins Winterquartier zur Rast ins Schlafzimmer verirrt.

Info
Weitere Informationen gibt der Arbeitskreis Fledermausschutz Rheinland-Pfalz, in dem Pollichia, BUND, GNOR und Naturschutzbund zusammenarbeiten. Ansprechpartner für Ludwigshafen und Umgebung ist Dr. Dietmar Augart aus Weisenheim am Berg, Telefon: 06353/7436. Infos im Internet unter www.fledermausschutz-rlp.de.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 7. August 2003 | Von Birgit Möthrath)

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